soundjob

Mucketier, Tontüte & Hörspielfrisör
Sprechprobe
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Auf der Suche nach Anreizen für potenzielle Tutorials etc. möchte ich euch gerne fragen, was euch bei der Umsetzung und Realisierung eines Hörspiels große (und kleine) Probleme macht, bzw. euch vor Herausforderungen stellt ?
Es dürfen sich ALLE eingeladen fühlen... Hörspielmacher, Mitwirkende, Sprecher, Autoren, Lektoren, Musiker, Grafiker etc. um gerne miteinander zu diskutieren, sich auszutauschen, zu streiten usw.
Denn auch an die im ganzen Rahmen Mitwirkenden stellt sich jene Frage, was euch abschreckt, um an einer Produktion teilzunehmen ?
(BITTE UNTERLASST NACH MÖGLICHKEIT ABER TRIVIALE DISKUSSIONEN UM KI ☝️)

Sicherlich, der Faktor Zeit, bzw. die knappe Verfügung dieser wertvollen Ressource, dürfte mit die größte Herausforderung darstellen, denn Familie, Job und diverse andere Dinge, fordern natürlich auch ihren Tribut.
Auch ist die korrelierende Motivation hinsichtlich Zeitmanagement, insbesondere bei größeren Geschichten am Ball zu bleiben, ein allseits bekanntes Symptom von Schwierigkeiten bei der Umsetzung einer Hörspielproduktion.
Insofern sind wir von diesen beiden expliziten Aspekten sicherlich alle gemeinsam und gleichermaßen betroffen, denke ich.
Kurz: "Kennt jeder von uns nur zu gut !"

Aber werfen wir unseren Blick primär auf die Herausforderung und Stolpersteine der Umsetzung und Realisierung einer Produktion.
Individuell betrachtet steht also die Frage im Raum, welche Hürden ihr euch bei der Umsetzung gegenüberseht, welche euch mitunter Motivation und ggfls. auch mal den letzten Nerv klauen ?

- Sind es z.B. Schwierigkeiten im handwerklichen Umgang mit tontechnischen Aspekten ?
- Sind es z.B. qualitativ unbefriedigende Resultate (tontechnische, künstlerische/inhaltliche Aspekte) ?
- Unterschätzt man vlt. den Aufwand einer Produktion ? Ist es zu viel ?
- Sind es vlt. zu häufige Nachforderungen inmitten der Produktion durch etwaige Fehleranfälligkeiten im Skript oder bei Retakes ?
- Überfordert man sich selbst oder Mitwirkende oder ist man sogar unterfordert ?
- Ist man zu sehr Perfektionist und versteift sich auf kleinste Kleinigkeiten, während der primäre Anreiz wie z.B. die Fertigstellung eines Projekts, auf der Strecke bleibt ?
- Sind es vlt. auch etwaige Unzuverlässigkeiten oder halbherzige Mitwirkung innerhalb einer Produktion ?
und und und...

Was erschwert euch die Umsetzung bzw. Mitwirkung in einer Produktion ?
Gerne dürft ihr im respektvollen Umgang miteinander im Senf rühren und hoffe auf eine rege Diskussion.
 
Zuletzt bearbeitet:

soundjob

Mucketier, Tontüte & Hörspielfrisör
Sprechprobe
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Gerne mache ich auch den kleinen Anfang:
Die größte Herausforderung ist für mich bei jedem Hörspiel immer wieder das Angleichen der Sprechersounds zueinander.

Da jeder ein anderes Mikrofon benutzt, bzw. selbst bei gleichen Mikrofonen, welche allerdings natürlich unterschiedlich besprochen werden (der eine ist mal näher dran, der andere mal weiter weg), ergeben sich natürlich Unterschiede im Sound.
Diese Unterschiede auszugleichen ist für mich die größte Herausforderung, macht mir allerdings mitunter auch am meisten Spaß.

Ärgerlich finde ich allerdings Aufnahmen- wenngleich ausdrücklich darauf hingewiesen wird, Vocalchains nicht einzubinden, wenn ich bereits stark vorkomprimierte Tonerzeugnisse erhalte, welche zusätzlich auch noch über ein recht abenteuerliches EQing verfügen, die nicht ohne weiteres auszubügeln sind.
(Es hat schon seinen Grund, weswegen aufgefordert wird, Aufnahmen unbearbeitet einzureichen, das macht es dem Tonmenschen ungleich leichter, den besten (Sprecher)Sound im Hörspiel zu formen).
Pre-EQte und gemasterte Sachen kosten im Nachgang mehr Zeit und Geduld, als einem eigentlich lieb ist.
 
Zuletzt bearbeitet:

ErgoEE

Mitglied
Das ist wieder ein sehr schöner Beitrag von dir @soundjob danke.


Diese Unterschiede auszugleichen ist für mich die größte Herausforderung, macht mir allerdings mitunter auch am meisten Spaß.
Über diesen Satz habe ich mich sehr gefreut, weil das Ausgleichen tatsächlich schwierig ist, mir aber auch Spaß macht.
Was ist beim Ausgleichen dein Ziel? Willst du alle Sprachaufnahmen quasi „perfekt“ hinbekommen, oder orientierst du dich an der „schlechtesten“ Aufnahme und passt alle anderen in etwa daran an? Also häufiger schraube ich eher an guten Aufnahmen um sie den zu halligen oder zu komprimierten anzupassen.

Meine größte Schwierigkeit ist die Frage: wo bin ich eigentlich? In der Realität kann ich mich irgendwo hinstellen und ein Ereignis betrachten. In der Regel drehe ich meinen Kopf dort hin, wo etwas passiert, oder ich bewege mich. Aber im Stereo-Hörspiel habe ich nur einen starren zweidimensionalen Halbkreis als Raum. Da braucht es oft eine genau Vorstellung wo und wie etwas passiert und wie man das psychoakustisch umsetzt.
 

Lauschecke

Lauschecke
Mindset-Herausforderng: Wann ist gut gut genug? Manchmal treibt einen der Hang zum Perfektionismus an. Du hörst beispielsweise auf einer Aufnahme ein minimales Hintergrundgeräusch, die Stimme klingt minimals verzerrt oder die Betonung kommt für dich nicht zu 100 % so rüber, wie du es dir gerade vorgestellt hast - zumeist bei den eigenen Takes.

Dann stellt sich die Frage: Nehm ich den Take nochmal auf, obwohl ich erst wieder in den entsprechenden Flow reinkommen muss? Dasselbe gilt auch für Hörbücher, wenn da kann eine unerwartet frische Stimme mitten im Hörbuch schon ungewohnt klingen.

Technische Herausforderung:
Abstimmung von Sprache & Musik aufeinander. Oft kommt es mir vor, dass die Hintergrundmusik meiner Produktionen nach Endfertigung viel zu leise ist, obwohl es in der DAW passend geklungen hat. :cool:
 

pio

Autor, Audio Engineer (BA), Sprecher und Musiker
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Ha, gleich das erste Thema hat es in sich. Macht man hier keine ordentliche Arbeit geht die Illusion flöten. Die Stimme muss natürlich klingen. Alle Stimmen sollten auf die gleiche Art und Weise natürlich klingen, aber nicht gleich klingen. Ich lege mir für jede Stimme zu Beginn der Produktion einen PreSet für jede Stimme an. So muss ich das nicht für jeder Szene wiederholen und das Ergebnis wird homogener. Und ja, es ist ärgerlich wenn man immer wieder schreibt, MONO, 16/24 bit, 44,1 KHz und man dann STEREO 24 Bit, 48 KHz bekommt. Wenn Mitwirkende nicht wissen wie man das hinbekommt, ist da ja nicht schlimm.....ABER....einfach EINMAL fragen, dann erkläre man das und gut ist. Der verursacht immer zusätzliche, unnötige Arbeit. Davon hat man bei einer Hörspiel Produktion eigentlich genug.
 

Tinchen

Autorin, Poetry Slammerin, Sprecherin, Lektorin
Teammitglied
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Als Autor:
Ich kann die Hörspiele nicht so umsetzen, wie sie in meinem Kopf klingen, weil ich nicht cutten und somit nicht produzieren kann. Das ist aber mein persönliches Problem, auch wenn ich mir beim Schreiben schon andere Stimmen dabei vorstelle, weiß ich, dass es nicht so werden kann wie ich es eigentlich haben möchte. Das ist auch der Grund, weshalb die großen Hörspiele, die ich angefangen habe, in meiner geheimen Schublade unvollendet verschwunden sind.

Als Sprecher:
1. Ich hätte bei Castings gerne detaillierte Infos vor allem zum Genre, denn zB Horror würde ich nie mitmachen, wenn ich es vorher definitiv wüsste.
2. Ich würde zu gerne mal nicht nur die Live Regie mitmachen, sondern besonders in Dialogen die Möglichkeit haben mit dem Dialogpartner zusammen zu sprechen. Weiß nicht, ob das technisch zB über Discord möglich wäre, aber es gibt da etwas, das mir als Hörer aufgefallen ist (s. Hörer 2.)
3. Ich hätte gerne viel mehr Möglichkeiten mit anderen zusammen zu sprechen.

Als Hörer:
1. Das hat wohl etwas mit der Anpassung der Stimmen zu tun: Manchmal klingt eine Stimme wie aus dem Keller oder weiter weg, obwohl alle Sprecher in einem Raum sein sollen.
2. Es war mir in einer Dark Space Folge aufgefallen. Da gibt es einen Dialog, der so anders klingt als das, was ich bisher hier gehört hatte. Ich denke, dass beide Sprecher in einem Studio zusammen aufgenommen haben oder keine Ahnung, wie Pio das hinbekommen hat. Normalerweise spricht einer einen Satz, der andere spricht einen Satz, der erste spricht wieder, der andere spricht. Es ist so eine Art der oberflächlichen Infoweitergabe.
Bei dem Dialog, der anders war, wunderte ich mich warum und hörte den nochmal. Ich wusste, ich war konzentrierter dabei, aber warum? Weil die Sprecher (besonders Marcel) mit Zwischengeräuschen den Monolog des anderen begleitet hatten. Als Autist bin ich auf genau dieses "Zwischen den Zeilen" angewiesen, um Menschen besser zu verstehen, deshalb habe ich mich gut darauf programmiert das zu hören, und deshalb war ich in dem Dialog konzentrierter. Er wirkte echt. Das wäre etwas, was ich mir mehr wünschen würde. Es geht also nicht nur um die Takes, die man einspricht, sondern um das Zuhören, wenn der andere spricht. Also den Gesprächspartner mal mit einem "Hmpf", einem stärkeren Einatmen, wenn einem die Aussage nicht passt, einem bejahenden "Hm-hm" in seinem Monolog zu unterstützen. (Ich hoffe ich habe es so ausgedrückt, dass es verständlich ist.)
 

soundjob

Mucketier, Tontüte & Hörspielfrisör
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Was ist beim Ausgleichen dein Ziel? Willst du alle Sprachaufnahmen quasi „perfekt“ hinbekommen, oder orientierst du dich an der „schlechtesten“ Aufnahme und passt alle anderen in etwa daran an? Also häufiger schraube ich eher an guten Aufnahmen um sie den zu halligen oder zu komprimierten anzupassen.
Prinzipiell passe ich die "qualitativ schlechteren" Aufnahmen den qualitativ guten Aufnahmen an, soweit möglich.
Es bleibt ja dennoch ein Kompromiss, denn ein "typisches 50 Mark Kaufhaus-Podcast Mikro" mit einem z.B. U-47 oder Brauner, bzw. gestandenen Studiomik heranziehend vergleichen zu wollen, ist in etwa wie der Vergleich zwischen Schlauchboot und Superyacht.
In der Toningenieure heißt es zurecht, dass man aus "Scheiße kein Gold machen kann, bzw. wo keine Frequenzen vorhanden, lassen sich keine zuzaubern".
Man versucht, einen akzeptablen Mittelweg bei den "schlechter" klingenden Aufnahmen zu finden, aber Referenz bleiben die (überwiegend) tadellosen Aufnahmequalitäten professioneller Güte.
Es ist nicht immer einfach und bis zu einem gewissen Grad muss man dann auch akzeptieren, dass die "schlechten" Aufnahmen halt auch trotz aller Hexerei im post-edit, etwas schlechter klingen als der qualitativ gute Durchschnitt. 🤷‍♂️

Lange Rede, kurzer Sinn: Meine Arbeitsweise entspricht dahingehend, sich möglichst nach oben hin zu konzentrieren.
Braucht Geduld, aber es lohnt sich. 😊
 

soundjob

Mucketier, Tontüte & Hörspielfrisör
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Aber im Stereo-Hörspiel habe ich nur einen starren zweidimensionalen Halbkreis als Raum. Da braucht es oft eine genau Vorstellung wo und wie etwas passiert und wie man das psychoakustisch umsetzt.
Auch ein guter Aspekt für ein Tutorial. (y)
"Arbeiten mit Stereo-Imaging zur Begrenzung von Ausweitungsbreichen, um Tiefe, Weite und Positionen zu Verorten (nah/fern), um einen räumlicheren Eindruck auf einer (simplen) Stereobühne zu erzielen".

(Kein Atmos/Surround, sondern einfaches Stereo-Tutorial)
 

pio

Autor, Audio Engineer (BA), Sprecher und Musiker
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Als Autor:
Ich kann die Hörspiele nicht so umsetzen, wie sie in meinem Kopf klingen, weil ich nicht cutten und somit nicht produzieren kann. Das ist aber mein persönliches Problem, auch wenn ich mir beim Schreiben schon andere Stimmen dabei vorstelle, weiß ich, dass es nicht so werden kann wie ich es eigentlich haben möchte. Das ist auch der Grund, weshalb die großen Hörspiele, die ich angefangen habe, in meiner geheimen Schublade unvollendet verschwunden sind.

Als Sprecher:
1. Ich hätte bei Castings gerne detaillierte Infos vor allem zum Genre, denn zB Horror würde ich nie mitmachen, wenn ich es vorher definitiv wüsste.
2. Ich würde zu gerne mal nicht nur die Live Regie mitmachen, sondern besonders in Dialogen die Möglichkeit haben mit dem Dialogpartner zusammen zu sprechen. Weiß nicht, ob das technisch zB über Discord möglich wäre, aber es gibt da etwas, das mir als Hörer aufgefallen ist (s. Hörer 2.)
3. Ich hätte gerne viel mehr Möglichkeiten mit anderen zusammen zu sprechen.

Als Hörer:
1. Das hat wohl etwas mit der Anpassung der Stimmen zu tun: Manchmal klingt eine Stimme wie aus dem Keller oder weiter weg, obwohl alle Sprecher in einem Raum sein sollen.
2. Es war mir in einer Dark Space Folge aufgefallen. Da gibt es einen Dialog, der so anders klingt als das, was ich bisher hier gehört hatte. Ich denke, dass beide Sprecher in einem Studio zusammen aufgenommen haben oder keine Ahnung, wie Pio das hinbekommen hat. Normalerweise spricht einer einen Satz, der andere spricht einen Satz, der erste spricht wieder, der andere spricht. Es ist so eine Art der oberflächlichen Infoweitergabe.
Bei dem Dialog, der anders war, wunderte ich mich warum und hörte den nochmal. Ich wusste, ich war konzentrierter dabei, aber warum? Weil die Sprecher (besonders Marcel) mit Zwischengeräuschen den Monolog des anderen begleitet hatten. Als Autist bin ich auf genau dieses "Zwischen den Zeilen" angewiesen, um Menschen besser zu verstehen, deshalb habe ich mich gut darauf programmiert das zu hören, und deshalb war ich in dem Dialog konzentrierter. Er wirkte echt. Das wäre etwas, was ich mir mehr wünschen würde. Es geht also nicht nur um die Takes, die man einspricht, sondern um das Zuhören, wenn der andere spricht. Also den Gesprächspartner mal mit einem "Hmpf", einem stärkeren Einatmen, wenn einem die Aussage nicht passt, einem bejahenden "Hm-hm" in seinem Monolog zu unterstützen. (Ich hoffe ich habe es so ausgedrückt, dass es verständlich ist.)
Mit Marcel nehme ich grundsätzlich immer mit Live Regie auf. Dabei lese ich den Gegenpart ein, so dass Marcel tatsächlich auf seinen Counterpart reagieren kann. Darüber hinaus ermutige ich Sprecher/Sprecherinnen immer wieder "natürlich" zu sprechen, teilweise schreibe ich die Dialoge ja auch entsprechend. Und....ich schneide wie ein Weltmeister. Teilweise besteht ein Satz aus Versatzstücken von drei, manchmal sogar vier Takes. Dabei schneide ich Dialoge "ineinander", da Menschen meist auch genau so reden.

Grundsätzlich wäre das toll, wenn Sprecher/Sprecherinnen entsprechende Zwischentönen selbständig mit aufnehmen. Wenn man da ein bisschen in den Dialog schaut bekommt man schon mit wo solche "Zwischenlaute" passen würden.
 

Spirit328

Aff un zo jeht et uns jar nit schlääsch!
Teammitglied
Was für mich am anstrengendstens ist, ist die Auswahl von passenden Sounds.
Es gibt sehr viele Soundbibliotheken, aber die wenigen freien sind meistens nicht wirklich ergiebig.
Das wird um so schwieriger, je mehr ich möglichst "trockene" Sounds haben möchte, damit ich sie frei positionieren kann.

Die zum Teil drastischen Unterschiede in den Klangfärbungen der Aufnahmen ist schon eine echte Herausforderung und ein "Schwarzes-Zeit-Loch".
Aus Erfahrung kann ich sagen, dass hier die Wahrnehmungen zwischen Sprechenden und Knöpfedrehenden zuweilen weit auseinander liegen.
Auch wenn es den eigenen Ehrgeiz kitzelt und das Können fordert, so ist das auch ein Schwarzes-Zeit-Loch.
Hier könnte man vieles verbessern, aber das kollidiert irgendwann (meistens ziemlich fix) mit den Möglichkeiten bei den Aufnahmen und denen die sie machen. (Wir hatten die Diskussion im Zusammenhang mit der Reform des "intern")

Was ich bei vielen Hörspielen schade finde, ist die Tatsache, das die Cutter häufig "nur" für ein Abhör-Medium mischen. Manche Sachen hören sich auf Boxen ganz gut an, aber wenn ich sie mir dann mal auf Kopfhörer anhöre, was aktuell die häufigste Form des Konsumieren ist, dann ist in der Mitte ein "Loch" und manchmal phased es durch die Lauscherchen, dass einem Angst und Bange wird. ;)

Ich finde, daß die Grenze zwischen Perfektionismus und "gut-genug" immer schwierig zu ziehen ist.
Hyunkook Lee hat mal den Begriff des "plausibel" geprägt. Also, ist eine Hörsituation plausibel, so akzeptiert unser Gehirn das und es ist angenehm, weil es sich mit bestehenden Hörerfahrungen verknüpft.
Der Unterschied im Aufwand zwischen "plausibel" und "realistisch" ist zum Teil um große Faktoren verschieden.
Natürlich ist realistisch am besten und bietet alles aus der Kunst des "Sound-Schraubens".
Aber für ein Hörspiel ist plausibel in aller Regel gut genug.

Beispiel:
Ein elektrischer Hubwagen fährt an der Hörposition vorbei.
Das Signal wird lauter und dann wieder leiser, wenn es wieder wegfährt.

Jetzt machen wir es eine Spur komplexer:
Der Hubwagen kommt aus der linken Ecke von weit weg, nähert sich der Hörposittion, um dann nach rechts gerade weg zu fahren.
Das ist schon komplex. Jetzt noch den Dopplereffektt dazu und schon wird's komplex UND kompliziert.
Wo man hier die Grenze zieht hängt auch von der Bedeutung für die Story ab, aber ... "you get the picture?"

Was mir manchmal auffällt ist, dass einige einen entscheidenden Grundsatz der Tontechnik nicht so richtig verinnerlicht haben: "Know you gear" - "Kenne Dein Equipment".
Das beinhaltet auch, dass sich auch die Sprechenden mit ihrem Equipment befassen und seine Eigenheiten kennenlernen.
Ja, es reicht vielen, wenn sie ihre Stimme hören können, wenn sie etwas aufgenommen haben. Aber da geht noch viel mehr.
Stichwort: "Nahbesprechnungseffekt". Richtig eingesetzt ist das ein mächtiges Werkzeug. Genau so auch der Abstand bei der Aufnahme. Welcher Abstand klingt wie und was kann man damit gestalten?
Wie vermeide ich Übersteuerungen? Welchen Pegel sollte ich anstreben? und warum?
Da die meisten mit "Nieren" arbeiten, macht es eben doch einen großen Unterschied, ob man von direkt vorne auf das Mikro spricht oder von der Seite.

Aber auch der ein oder andere Cutter/Cutterin könnte noch vieles herausholen, wenn das notwendig Wissen um Dinge etwas links oder rechts des Mainstreams vorhanden wäre.
Schon mal beim Mastering einen M/S EQ benutzt und wenn ja warum und wie?
Oder ein M/S Kompressor über das Master-Stereo gejagt? Und wenn nein, warum nicht?

Warum man am besten schon vor der A/D Wandlung einen De-Esser einsetzen sollte und warum es so wenige tun.

Es fehlt häufig an Wissen um die Möglichkeiten. Und was einem da auf YT so angeboten wird, ist zum Teil .. nun ... sagen wir es freundlich: nicht der Weisheit letzter Schluß.

Es ist immer eine komplexe und komplizierte Abwägung, wann man einen Re-Take anfordert und wann man sich besser einen zurecht schnippselt.
Denn eigentlich ist es nicht wirklich effizient, wenn die Cutter die virtuelle Schere schwingen. Da wird viel Arbeit an einer Stelle konzentriert, die man sicherlich in vielen Fällen arbeitsteilig erledigen könnte.
Ja, das dauert manchmal noch länger, als wenn man es schnippselt, aber das ist nicht immer gut.

Was mir hier in letzter Zeit verstärkt auffällt ist der diametrale Widerspruch zwischen dem eigenen Anspruch und der Fähigkeit diesem gerecht zu werden.
Wenn man sich mit den professionell produzierten Hörspielen messen will, dann erkennt man recht schnell, dass diese Leute auf einem anderen Niveau arbeiten.
Das bezieht sich nicht nur auf das Können, sondern auch auf die Technik, die zum Einsatz kommt.
Damit meine ich nicht, dass alle Sprechenden ein Neumann U87 ai haben müssen. Nein! David Bowie hat häufig im Studio über ein Shure SM57 eingesungen oder Joe Cocker hat lange ein Shure SM58 als Gesangsmikrofon verwendet. Und dabei hätten diese Leute mehr als genügend Geld für MGs, Brauner, Neumänner oder was auch immer.
Sie haben sicherlich viele Mikrofone ausprobiert und wissen, warum sie ihren "Sound" mit diesem speziellen Mikrofon hinbekommen. "Know your gear".

Ich würde mir auch mehr Experimente wünschen. Sowohl was die Skripte betrifft, die Themen, die Umsetzung, das SoundDesign und die Mischung.
Wenn man "nur" Mainstream macht, dann wird man auch mit dem Mainstream verglichen und das ist zuweilen schwierig und nicht fair.

Häufig finde ich die Dialoge wie aneinander geschnittene Monologe. Wie schon von Tinchen beschrieben, kann man mit ein paar natürlichen "Zwischengeräuschen" einem Dialog viel mehr Realismus und "Leben" einhauchen. A B E R ... das macht das Cutten auch nicht wirklich einfacher. Denn solche Zwischengeräusche sind sehr kontextabhängig.

... und wenn ich noch einen Wunsch äußern dürfte: Schmeißt die Schuhe mit den Lederhacken auf den Müll. Derartige Schuhe werden heute kaum noch getragen und das klingt häufig so stereotyp. Es sei denn das ist so gewollt und dient der Story. :)

Last, but NOT least: Lasst uns mal aus dem Stereo-Panorama ausbrechen und in den "Raum" gehen.
Das ist zwar noch mehr Aufwand beim Cutten, aber das Ergebnis ist schon ... Klasse!
 
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MonacoSteve

... nicht ganz Dichter
Teammitglied
Hm... ein interessantes Thema und eine interessante Frage – ich sehe den Thread erst jetzt. Ich gehöre ja auch zur Gruppe derer hier im HoerTalk, die nicht nur selber schreiben, sondern meist auch alles andere (außer Sprechen) bei einer Hörspielproduktion in der Hand behalten (also Cut, Mix, Musik...), so dass man meinen müsste, da gäbe es Probleme und Herausforderungen gleich auf vielen Ebenen. Und natürlich gibt es die, denn ich habe auf keinem einzigen dieser Gebiete auch nur ansatzweise eine professionelle Ausbildung. So wie ich mich beim Schreiben – inzwischen über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg - so langsam an meinen eigenen Stil herangewurstelt habe, und beim Komponieren dasselbe über gut ein Jahrzehnt hinweg, so habe ich mir, was den Umgang mit DAWs und Soundtechnik betrifft, nun gerade mal das Nötigste angeeignet, seit ich bei HoerTalk gelandet bin. Tatsache ist, dass ich mir dieses Defizits vollkommen bewusst bin, und mein Anspruch an mich daher realistisch bleibt; ich möchte verlässlich arbeiten und Ergebnisse erzielen, die halt so gut sind wie es mir unter diesen Umständen gelingt, und die – natürlich vor allem dann! – auch meinen Rezipienten gefallen. Solange das harmonisch zusammenkommt, bin ich wunderbar motiviert, weiterzumachen. Nach Perfektion zu streben wäre hingegen in so einem Zusammenhang ein absolutes Killerkriterium. Freilich, ich kenne diesen Drang nur zu gut, aber gäbe ich ihm bedingungslos nach, hätte ich bis heute wohl kein einziges Stück auf die Beine gebracht.

Daher ist meine größte Herausforderung eigentlich eine ganz andere: Nämlich die, wie ich denjenigen, die an meinen Produktionen mitwirken (überwiegend also die Sprecherinnen und Sprecher) meine Vorstellungen von der Umsetzung vermitteln kann, wenn es Diskrepanzen gibt. Mit anderen Worten: Es kostet mich stets echte Überwindung, jemandem zu sagen, dass etwas nicht so geworden ist, wie es meiner Meinung nach sein müsste. Denn ich weiß ja, dass sich hier alle die größte Mühe geben, dass sie in den allermeisten Fällen auch keine Profis sind, und vor allem ihre freie Zeit für mein Projekt opfern. Deshalb bin ich durchaus immer bereit, Kompromisse einzugehen, aber es gibt eben Fälle, wo das beim besten Willen nicht möglich ist. Und dann heißt es: kritisieren. Aber darüber hatten wir vor einiger Zeit ja schon einen spannenden eigenen Thread; das brauche ich an dieser Stelle also nicht weiter ausführen. Ich will damit nur meine Antwort auf die Eingangsfrage gegeben haben :).
 

Telliminator

Sample-Collector
Sprechprobe
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Die größte Herausforderung für uns, als wir damals die Reihe Timeshift produziert haben, war die Motivation und alle Leute zeitlich unter einem Hut zu bekommen, damit wir die Aufnahmen zum einen lokal auf die Kette kriegen und zum anderen von den externen Sprechern möglichst zeitnah zusammen bekommen. Das organisatorische im Hinblick auf erinnern, Termine finden, wieder absagen, weil irgendwer krank geworden ist, neuer Termin, wo alle wieder sich treffen können, den Überblick zu behalten, was noch von wem einzusprechen ist. Das war schon eine Mammut Aufgabe und zerrte teils mächtig an den Nerven. Von wir machen 2 HörspielFolgen im Jahr fertig hat’s dann doch 8 Jahre gebraucht um alle 8 Episoden fertig zu bekommen. Zwischendurch sind Kinder geboren worden, Leute umgezogen, ich habe ein Haus gekauft, war lange selber krank und mit Renovierung beschäftigt und trotz aller Widrigkeiten haben wir es geschafft dran zu bleiben und sogar noch anderen bei ihren Projekten zu helfen. Im Nachhinein betrachtet hätten wir weniger blauäugig in die Produktion gehen sollen und mehr Zeit in Planung investieren müssen. Auch drumherum hat sich einiges an Anforderungen geändert, z.b, die Technik rund um den Webauftritt und Promotion damit man überhaupt wahrgenommen wird mit seinem Hörspiel ist ein ganz großes Thema, dem wir zu wenig Beachtung am Anfang geschenkt haben. Hey wir haben ein total neues Hörspiel kostenlos zum Download auf unserer Webseite, die kein Mensch kennt und auf die niemand hin surft. Da stehst du dann da mit deinem Erstlingswerk, YouTube erlaubte mir damals nur Videos in der Länge von 10 Minuten hochzuladen, also nix um das komplette Hörspiel mit Folge 1 von über 70 Minuten zu hosten. Geiz ist geil war damals hoch im Kurs und Plattformen für Gratisproben und Dinge umsonst im Netz zu kriegen hatten großen Zulauf und irgendwie haben die dann Wind davon bekommen, dass man bei uns was kostenlos runterladen kann zum hören. Darauf waren wir nicht gefasst, dass einer größten unter ihnen einen täglichen Newsletter an 100.000 Mail-Empfänger verschickt hat, in dem die kleine Info drin stand kostenloses Zeitreise Hörspiel als Download bei denen von blackdays. Was zum Zusammenbruch unser Webseite führte, der Provider Not amused war und unsere Bandbreitenanbindung von 100mbit auf 1 Mbit reduziert hat. Keiner kam mehr wirklich auf dem Server drauf um zu was zu laden, geschweige denn wir um irgendwas im backend anzupassen. Man hat uns sogar schlussendlich den Vertrag gekündigt wegen nicht Einhaltung der fair-use Richtlinie. Aber wir konnten nix dafür, das unser file so derart beliebt war. Also serverumzug der leider organisatorisch viel zu lange gedauert hat um diese Welle des Interesses mitzunehmen. Und so hat man plötzlich sich mit technischen Problemen auseinander zu setzen, die gar nix mehr mit, lass uns mal ein Hörspiel machen, zu tun hatte.

Über Rezensionen und Feedback wurde uns auch nahe gebracht das wir das Ganze produzieren noch verbessern müssen. Angefangen von der genutzten Aufnahmetechnik und Umgebung bis hin zum Acting vor dem Mikrofon und ganz besonders im späteren Cut, Mixing und Mastering. Ein neues Mikrofon musste her, ein Schrank wurde zur sprecherkabine umgerüstet, neues Interface fürs Mikro um die Aufnahmen in den Rechner zu kriegen und Erwin Spielvogel als Unterstützung für alles das was nach dem Aufnehmen passiert bis zum fertigen Hörspiel. Erwin erklärte uns, dass er jede einzelne Aufnahme in einem sieben Schritte Verfahren überarbeitet und angepasst hat, damit es ein halbwegs homogenes klangbild ergeben hat. Dies zu erreichen war nicht immer einfach unsere lokalen Aufnahmen mit externen Aufnahmen in der Szene so anzupassen, dass man die unterschiedlichen Aufnahme-Umgebungen nicht heraushört. Aber unser Erwin als Ton-Ingenieur hat eine wahre Meisterleistung erbracht, wenngleich er bei manchen Takes von extern in Punkte Aufnahme-Qualität schier das kotzen bekam und neue Aufnahmen gefordert hat, weil er den Schrott nicht angepasst bekam und sich weigerte die Szene so lassen. Es ist halt blöd, wenn die Szene in einem Wald spielt und eine der Stimmen klingt als saß man beim aufnehmen auf dem Klo, um es mal übertrieben zu beschreiben. Das passt halt nicht zusammen und klingt bescheiden. Das kriegt man dann auch mit keinem Plugin der Welt irgendwie hingebogen. Das muss dann wirklich neu.

Bevor ich aber den Threat hier mit meiner Lebensgeschichte sprenge möchte ich nur kurz darauf eingehen, dass wir über die Jahre hinweg sehr viel gelernt haben, worauf man bei der Produktion eines Hörspiels achten muss. Es ist nicht nur einfach sich vors Mikrofon zu stellen und seinen Text runter leiern. Das schauspielerische sollte auch nicht zu kurz kommen und damit das ganze dem Cutter nicht Ohren abfallen lässt, muss die Aufnahme technisch einwandfrei und in einer möglichst Raumhallarmen Qualität geliefert werden, um sie im Schnitt vom Cutter mit Effekten für den Hörer in glaubhaften Umgebungen spielen zu lassen. Schwierigkeiten sind und bleiben unterschiedliche Aufnahmeumgebungen, die bei Projekten, wie sie hier mit ganz vielen Sprechern mit unterschiedlichen technischen Voraussetzungen entstehen, anzugleichen. Man kann ja nicht erwarten, dass aus ganz Deutschland und auch weiter weg alle auf eigene Kosten in das gleiche Studio fahren und dort ihre Takes aufnehmen.

Daher wäre für mich ganz interessant, wie ich visuell und auch audiotechnisch diese Unterschiede a) erkenne und b) so anpassen kann, das ein halbwegs gleiches Klangbild zustande kommt. Was mache ich wie mit welchem Effekt oder Plugin und dem Equalizer um das homogene Ziel hinzubekommen. Nach was richte ich mich und wann muss ich aufgeben und sagen, das geht so nicht, das brauche ich anders nochmal neu und du musst das und das bitte anpassen.
 

pio

Autor, Audio Engineer (BA), Sprecher und Musiker
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Daher ist meine größte Herausforderung eigentlich eine ganz andere: Nämlich die, wie ich denjenigen, die an meinen Produktionen mitwirken (überwiegend also die Sprecherinnen und Sprecher) meine Vorstellungen von der Umsetzung vermitteln kann, wenn es Diskrepanzen gibt. Mit anderen Worten: Es kostet mich stets echte Überwindung, jemandem zu sagen, dass etwas nicht so geworden ist, wie es meiner Meinung nach sein müsste. Denn ich weiß ja, dass sich hier alle die größte Mühe geben, dass sie in den allermeisten Fällen auch keine Profis sind, und vor allem ihre freie Zeit für mein Projekt opfern. Deshalb bin ich durchaus immer bereit, Kompromisse einzugehen, aber es gibt eben Fälle, wo das beim besten Willen nicht möglich ist. Und dann heißt es: kritisieren. Aber darüber hatten wir vor einiger Zeit ja schon einen spannenden eigenen Thread; das brauche ich an dieser Stelle also nicht weiter ausführen. Ich will damit nur meine Antwort auf die Eingangsfrage gegeben haben :).
Ja, Kritik üben ist ein schwere Angelegenheit. Selbst in einem professionellen Umfeld ist das nicht immer einfach. Die Eigenart, Kritik persönlich zu nehmen ist leider weit verbreitet. Da kann auch ich mich nicht immer frei von machen. Dabei ist gegenseitige Kritik im menschlichen Umgang, sei es auf der Arbeit, bei Projekten, im persönlichen Umgang extrem wichtig und unerlässlich. Die dann oftmals auf tauchende Probleme haben verschiedene Ursachen. Falsch rüber gebrachte Kritik, falsch verstandene Kritik, gekränkte Eitelkeit, Unsicherheit und und und. Ich bin der Meinung, dass auch im privaten Hobbyumfeld Kritik unerlässlich ist, sofern man besser werden und etwas gutes auf die Beine stellen will. Ja, es gibt immer Leute, die sagen, "das reicht mir so". Da muss man dann klären ob diese Person für das vor einem liegende Projekt der oder die richtige ist.
 
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