pio

Autor, Audio Engineer (BA), Sprecher und Musiker
Sprechprobe
Link
Jetzt natürlich nur allgemein gemünzt, nicht persönlich ;)

Warum darf das bzgl. Stimmen nicht auch im Voicing geschehen ? Stichwort Vocal-Changer.

Wenn wir z.B. Chorus, Vocoder, Hall etc. auf die Stimme kloppen, fragt ja auch keiner nach, ob man da nun wirklich in der Kathedrale stand.
Es ist ein selbstverständliches Werkzeug bezüglich "Illusion".

Warum nicht aber auch aus etwaigen Gründen wie eklatanter Zeitmangel, Aufwand, VErfügbarkeit etc. Passagen/Einsätzer für kleine Rollen selbst einsprechen und nur als Effekt durch den Vocal-Changer die Stimme verändern ?
Softwaretechnisch gibt es ja auch bewährte Formant/Pitch-Shifter, Morpher, welche als (bewährte) legitime Effekt gewissermaßen akzeptiert sind.
KI-Vocalchange (mit weit authentischeren Ergebnissen) hingegen aber eher nicht ? 🤔
Eine menschliche Stimme zu morphen finde ich tatsächlich völlig ok. Allerdings sollten total Änderungen eher die Ausnahme sein. Aber hier ist die KI dann tatsächlich ein Werkzeug und kein Ersatz. Das macht - für mich - den Unterschied.
 

Kukulkan

Volker Schmid
Portfolio
Link
Aber hier ist die KI dann tatsächlich ein Werkzeug und kein Ersatz.
Das ist, IMHO, eine gute Unterscheidung. Aber das Problem ist immer die Grenze. Ab welchem Grad des kreativen Beitrags ist es nicht mehr okay? Wann ist es mehr als Werkzeug?
  • Mit KI eine echte Stimme verfälschen und/oder korrigieren? Ja/Nein?
  • Mit KI den Text sprechen lassen / das Lied singen lassen? Ja/Nein?
  • Mit KI den Text verbessern (zB sematische Text-Korrektur)? Ja/Nein?
  • Mit KI den Text verfassen (nach stichwortartigem Prompt)? Ja/Nein?
  • Mit KI nach Ideen suchen / kreative Pause überbrücken? Ja/Nein?
  • Mit KI den fertigen Sound mastern? Ja/Nein?
  • Mit KI Soundeffekte erzeugen? Ja/Nein?
  • Mit KI Hintergrund-Musik erzeugen? Ja/Nein?
  • Mit KI den Titelsong komplett erzeugen? Ja/Nein?
  • Mit KI komponieren oder dabei helfen lassen (zB nur die Akkorde, Mix)? Ja/Nein?
  • Mit KI das Cover-Bild erstellen? Ja/Nein?
Die Liste kann noch sehr viel länger werden und es gibt auch Graustufen und Zwischenstufen. Und die Antworten sind dann am Ende halt sehr individuell...

In meinem Fall habe ich, bis auf den letzten Punkt, alles mit Nein beantwortet. Aber andere haben hier andere Grenzen und das ist auch okay. Ich denke nur, es sollte irgendwie transparent sein. Bei Lebensmitteln ist es seit Jahrzehnten Kundenwunsch, immer zu wissen was überall drinnen ist. Und Gesetze stellen das weitestgehend sicher. Bei kreativer Kunst fände ich das auch gut.
 

soundjob

HÖRSPIEL MUSIK AUDIO
Teammitglied
Sprechprobe
Link
Ja, es ist ein bisserl das schwebende Damoklesschwert und die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt und wie er das tun dürfe (oder nicht).
Ich denke, da unterscheiden wir doch in der Hinsicht zwischen:
  • vollständig generativen Content
  • unterstützend korrektive Werkzeuge zwecks eigener Gestaltung und Weiterverarbeitung
  • Eingriffe nur auf Basis eigener vollständiger Arbeit
Interessant ist ja der Punkt, dass z.B. oft die Covergestaltung auf eigene Toleranz trifft, während Eingriffe in anderen Gewerken- zumeist jene in denen man vorrangig selbst sehr firm wie kreativ ist, strikt ablehnt.
Das tu ich ja mitunter auch 😇 ... aber ich verstehe auch durchaus die andere Seite wie z.B. die Covergestalter und Grafiker, die mit Fug&Recht darlegen, dass z.B. der Musiker tolerierend auf KI zwecks Covergestaltung zurückgreift (vlt. weil er da nicht so firm ist), aber warum dürfe der Grafiker dies dann nicht auch in insofern gleichen Toleranzansprüchen mit Musik tun ? 🤔
Warum toleriert man für sich gerne das eine, während man es dem anderen in der Analogie verweigert ?

Aber ich wollte hier natürlich nun auch nicht (wieder) eine Grundsatzdeabtte lostreten, sondern vielmehr beschäftigt mich eine selbst reflektierende Frage, ob der Zweck die Mittel heiligen darf und wenn ja, wie ?

@pio hat ein Beispiel genannt- und so denke ich auch und habe es nun auch schon aus etwaigen Gründen angewendet, dass ich meinen selbst erdachten wie gesprochen Text in z.B. einer Kleinstrolle oder auch Erzähltext, lediglich über einen Vocal Changer eine andere Stimmfarbe gebe, und dies für mich als "Effekt"- bis zu einem gewissen Grad, auch legitim ist.
 
  • Like
Reaktionen: pio

Kukulkan

Volker Schmid
Portfolio
Link
Warum toleriert man für sich gerne das eine, während man es dem anderen in der Analogie verweigert ?
Sehr gutes Argument, danke (y)! Ich habe mir zu Cover-Bildern auch viele Gedanken zu diesem Widerspruch gemacht. Allerdings habe ich vor KI auch noch nie einen Grafiker beauftragt, sondern immer selbst was gezimmert. Ich hab also zumindest niemandem damit was weggenommen 😅. Inzwischen versuche ich immer häufiger was eigenes zu nehmen (zB eigene Fotos oder RayTracing), aber nicht immer klappt das und nicht immer habe ich die Zeit dazu.

Und "Musik ohne KI" möchte ich zu einem meiner USPs machen. Auch wenn ich damit am Ende vielleicht nur noch eine Niesche bediene. Dann ist es halt so 🤷‍♂️. So lange Leute einen Mehrwert in meiner Arbeit sehen, so lange mach ich es. Oder halt irgendwann dann nicht mehr...
 

pio

Autor, Audio Engineer (BA), Sprecher und Musiker
Sprechprobe
Link
Na ja, das mit den Cover ist ja eher aus der Not geboren. Damals bei Dark Space, hatte ich ja noch einen Grafiker, der so nett war mir das Modell von der Draken zu entwerfen. Hätte ich so jemanden, der/die mir in Sachen Raumschiff, Raumstation usw. unter die Arme greifen könnte würde ich das sehr dankbar annehmen. Ich habe - nicht zuletzt wegen der Ki Diskussion hier im Hörtalk - alternative Versionen meiner Cover für die Marsreihe - ohne KI - entworfen. Mal schauen, welche es dann im Endeffekt werden ...
 

MaVericK

Autor
Sprechprobe
Link
Mein Verhältnis zu KI ist bewusst differenziert. Ich habe viele Freundinnen und Freunde aus der Kreativbranche und arbeite selbst als Autor (Auch bei Verlagen). Deshalb sehe ich die aktuelle Entwicklung durchaus kritisch – insbesondere dann, wenn menschliche Kreative vollständig ersetzt, ihre Leistungen entwertet oder bestehende Werke ohne einen fairen und transparenten Umgang als bloßes Ausgangsmaterial betrachtet werden.

Gleichzeitig halte ich KI für ein gutes Werkzeug, um Konzepte und Ideen sichtbar zu machen. Gerade bei aufwendigen Anime-Projekten ermöglicht sie es kleinen und nicht kommerziellen Teams, Geschichten zu visualisieren, die mit den vorhandenen finanziellen und personellen Mitteln zunächst kaum umsetzbar wären. ( und die deutsche Filmförderung ist in diesem Bereich mega kacke!!!)

In unseren Anime-Projekten nutzen wir KI vor allem für die visuelle Umsetzung. Wir entwickeln die Geschichten, Figuren, Drehbücher, Dialoge, Szenenabläufe und Regievorstellungen selbst. Anschließend setzen wir KI ein, um daraus einzelne Anime-Frames und bewegte Szenen zu erstellen. Dabei geben wir Einstellungen, Kameraperspektiven, Figurenmerkmale, Handlungen, Stimmungen und Abläufe möglichst genau vor. Die entstandenen Bilder und Animationen werden anschließend von uns ausgewählt, bearbeitet, geschnitten und zu einer zusammenhängenden Szene zusammengesetzt. Ich stelel mich aber auch nicht hin und sage "Boooooooaaaa geil Dicker!!! wie geil ist das gezeichnet!!!!!" außer es sind die Charakteresheets von Lee Lach, weil die sind mega GEIL!

KI hilft uns damit vor allem dabei, unsere Ideen zu visualisieren. Sie schreibt jedoch nicht eigenständig unsere Geschichten und gibt auch nicht die kreative Richtung des Projekts vor.

Diese Visualisierungen haben für unser Projekt sogar bereits ganz konkret Menschen zusammengebracht. Unsere Grafikerin konnte sich durch die ersten Bilder und Konzepte viel besser vorstellen, was ich mit meiner geschriebenen Idee eigentlich erreichen wollte. Dadurch hat sie sich für das Projekt begeistert und ist Teil unseres Teams geworden. Auch weitere Kreative konnten wir durch die bereits sichtbare Welt für unsere Projekte gewinnen – darunter einen tollen Komponisten wie Volker.

Genau darin sehe ich einen großen Vorteil: Eine Idee existiert nicht mehr nur als Text in meinem Kopf oder in einem Drehbuch. Menschen können sehen, welche Atmosphäre, welche Figuren und welche Welt entstehen sollen. Die KI-Visualisierung kann dadurch eine Brücke zwischen einer geschriebenen Idee und den Kreativen sein, die sie später gemeinsam weiterentwickeln.

Die Geschichten, Figuren und Dialoge stammen von uns. Ebenso entstehen Regie, Sprecherleistungen, Musik, Gesang, Sounddesign, Tonschnitt und die endgültige Montage durch Menschen. Wir arbeiten außerdem mit menschlichem Characterdesign und entwickeln unsere Figuren gemeinsam weiter. Synchronisation übernehmen ebenfalls menschliche Sprecherinnen und Sprecher, und auch Szenenaufbau sowie Kameraführung werden von Menschen gestaltet.

Entscheidend ist für mich der kreative Kompass. Die Technik darf unterstützen, aber sie sollte nicht darüber bestimmen, was erzählt wird, wie etwas erzählt wird und welche Haltung ein Projekt vertritt. Die inhaltlichen und gestalterischen Entscheidungen müssen bei den Menschen hinter dem Projekt bleiben.

Ich glaube deshalb nicht an ein reines Schwarz-Weiß-Denken. Eine vollständige Ablehnung von KI wird der Realität ebenso wenig gerecht wie ein unkritischer Einsatz, bei dem der gesamte kreative Prozess automatisiert wird. Für mich liegt der richtige Weg in der Mitte: KI gezielt als Werkzeug nutzen, ihre Grenzen anerkennen und menschliche Kreativität weiterhin in den Mittelpunkt stellen.

Unser langfristiges Ziel ist es, immer mehr Menschen von unseren Anime-Projekten zu überzeugen und den KI-Anteil dadurch Schritt für Schritt abzubauen. Je mehr Zeichnerinnen und Zeichner, Animatorinnen und Animatoren sowie weitere Kreative sich beteiligen, desto mehr Bereiche können wir vollständig menschlich umsetzen.

Dabei sehe ich uns bereits auf einem guten Weg. Unser Team besteht inzwischen aus zahlreichen Sprecherinnen und Sprechern, Musikern, Komponisten, einer Grafikerin und weiteren Kreativen. KI ist für uns kein Ersatz für dieses Team. Im besten Fall hilft sie uns sogar dabei, neue Menschen für unsere Ideen zu begeistern und das Team weiter auszubauen.

Das Wichtigste ist für mich Transparenz. Wir möchten offen benennen, an welchen Stellen KI eingesetzt wird und welche Leistungen von Menschen stammen. Das Publikum soll nachvollziehen können, wie unsere Projekte entstehen, und sich auf dieser Grundlage selbst eine Meinung bilden.

Denn am Ende zählt für mich nicht nur, dass etwas entsteht, sondern auch, wie es entsteht, welche Haltung dahintersteht und welche Menschen das Projekt gemeinsam möglich machen.
 
Oben