Noch während ich an meiner eigenen "Replik" schrieb, hat
@Kukulkan nun wirklich superschön und knapp einiges exakt schon vorweggenommen, aber ich will euch meinen Text deshalb nun dennoch nicht vorenthalten...
Also:
Lieber
@SAMIR , danke für deine Zeilen; dann lass uns noch etwas mehr austauschen

.
Zunächst war es für mich sehr spannend, dies zu lesen...
Ich bin inzwischen 67 Jahre alt und fotografiere seit fast 45 Jahren.
Zudem male und schreibe ich, seit ich denken kann.
Meine Passion war dabei schon immer das Suchen, Finden und Zeigen.
... denn wir begegnen uns hier absolut auf Augenhöhe: Praktisch jedes dieser Worte beschreibt 1:1 auch mich

. OK, Fotografieren und Malen habe ich inzwischen zugunsten vom Komponieren zurückgefahren, aber auch ich erfinde, erzähle und schreibe Geschichten und Gedichte von frühester Jugend an. Und auch ich habe stets versucht, meine Fähigkeiten auszuloten und mit meinen Werken etwas zu zeigen – zumindest denen, die es sehen wollen.
Aber interessanter sind vielleicht jetzt die Unterschiede.
Bevor ich in Ruhestand ging, fand meine Kunst zwar ebenfalls nur neben Arbeitswelt und Familie statt, doch hatte ich nie das Gefühl, dass Letzteres das Erstere nachhaltig beeinträchtigt. Vielleicht lag es daran, dass ich stets sehr effektiv gewesen bin – vielleicht auch
zu effektiv, wie mir ein gesundheitlicher „Einschlag“ vor ein paar Jahren sehr deutlich machte. Aber ich könnte nicht sagen, dass ich meine künstlerischen Neigungen nicht immer schon gut ausleben konnte, auch lange bevor mir - mit viel Glück - ein zweites Leben geschenkt wurde. Doch zugegeben: Jetzt habe ich für Kreativität natürlich mehr Raum und Zeit.
Du hast
Photoshop als Beispiel dafür gebracht, wie sich die Welt weiterdreht und digitale Werkzeuge neue Türen öffnen. Zweifellos korrekt. Doch es ist ein diametraler Unterschied, ob ich ein digitales Werkzeug nutze, um von mir selbst Geschaffenes (ein Bild, ein Foto) damit weiter zu bearbeiten und zu verändern, oder ob ich es einsetze, um etwas von Grund auf erschaffen zu lassen. Und um dies geht es aber. Du kannst Photoshop (zumindest das Photoshop, das ich noch kenne) nicht sagen: „
Mache mir ein Bild einer schönen Frau im Kerzenlicht auf einem Diwan“, und dann bekommst du so ein Bild. Die KI hingegen macht dir das Bild. Auf Knopfdruck. Klar kannst du erwidern: Es war immer noch meine Idee! Klar kannst du nachher auch noch ein bisschen selber dran herumschrauben. Aber das ist nicht der Punkt. Welt und Menschen sind stets voller Ideen. Fast alles, was wir um uns herum erblicken, ist einst eine Idee gewesen, vom Zuckerstreuer angefangen bis zum Wolkenkratzer. Aber Kreativität bedeutet nicht nur Idee, sondern auch die Fähigkeit, sie mit den eigenen Kräften umzusetzen in Wirklichkeit. Und genau hierin unterscheiden sich KI-Anwender von Künstlern. Und so will ich „Illusion“ verstanden wissen.
Man kann es vielleicht mit einem anderen Beispiel noch etwas besser verdeutlichen. Wenn ein Johann Sebastian Bach oder Wolfgang Amadeus Mozart von einem Fürsten den Auftrag erhielt, eine Komposition für den Hof zu schreiben - und selbst wenn dafür noch konkretere Vorgaben erfolgten (es soll unterhaltsam sein, oder ernst, lang, kurz, für einen Chor oder ein Kammerorchester...) -, so würde man deswegen dennoch doch noch lange nicht auf die Idee kommen, den Fürsten für den Künstler dieser Werke zu halten, richtig? Der Fürst mag der Mäzen sein, ein Kunstsachverständiger auch vielleicht, aber in jedem Falle ist er nur der
Auftraggeber. Die Künstler jedoch sind - das bezweifelt vermutlich kein Mensch! - Bach und Mozart.
Sie konnten das, was andere wollten. Und das ist der entscheidende Unterschied.
Wollen kann jeder viel, können eben nicht. Das drückt auch der u.a. Karl Valentin zugeschriebene Bonmot „
Kunst kommt von Können, nicht Wollen, sonst hieße sie ja Wulst“ sehr hübsch aus.
Das, was man heute mit zunehmend ausgefeilter KI-Hilfe erschafft, mag wie Kunst
aussehen, ist aber ist nicht das, was Menschen über Jahrhunderte als kreative Kunst verstanden haben – und daher gerät man eben in jene von mir postulierte Illusion. Ich will es noch etwas genauer ausführen: Wie bei vielem im Leben findet man auch hier einen fließenden Übergang. Solange ich KI als digitales Werkzeug
zur Nachbearbeitung durch mich geschaffener Werke nutze (á la Photoshop), mag sie in der Tat meine eigene Kreativität als Künstler erweitern und vielleicht sogar einen mir zuvor verschlossenen Horizont öffnen. D’accord! Sobald ich sie aber nutze, um mir womöglich sogar den Input zu einem Werk, jedenfalls aber dessen gesamte primäre Umsetzung aus Bausteinen einer riesigen Datenbank liefern zu lassen, bin ich nur noch Auftraggeber. Das führt automaisch zur Gretchenfrage: Wo steckt in einem so erzeugten Werk dann aber der Künstler? Wo die Kreativität? In der KI etwa? Aber wenn man dies - aus welchen guten Gründen immer – sogleich bestreitet, drängt sich unweigerlich der Schluss auf, dass hier eigentlich
überhaupt keine Kunst stattfindet. Und wer auch das wieder sogleich bestreitet, dem bleibt halt eigentlich tatsächlich nur eine Illusion...
Aber weil ich – wie oben gesagt – auch weiß, dass die Übergänge in so einer Konstellation fließend sein können, habe ich zumindest
meine persönliche Entscheidung wie folgt getroffen: Mit allem, was ich mir von einer KI aus der Hand nehmen lasse, reiche ich digitalen Automatismen einen weiteren Finger und gebe ein Stück dessen ab, was mich als Künstler ausmacht. Die Frage, nach wie vielen verlorenen Fingern man auch seinen kreativen Status (Kreativität stammt vom lateinischen Wort
creare = (er)schaffen!) verkauft hat, mag jeder für sich selber beantworten.
Ich verstehe es gut, wenn andere den Maßstab, den ich ansetze, für zu streng und zu apodiktisch halten mögen. Aber da ich ihn in mir selbst auferlege, gestatte ich mir auch den Luxus, von KI-Produktionen aller Art unbeeindruckt zu bleiben – wohlgemerkt nicht, was die technische Leistung betrifft, die hinter diesen gigantischen, täglich besser werdenden digitalen Automaten steht, aber
völlig unbeeindruckt als Künstler.
Noch ein kleines Wort hierzu:
Und was den „Wert“ betrifft: Ich habe nie Gedichte, Lieder oder Bilder erschaffen, um damit Geld zu verdienen oder einen kommerziellen Wert zu erwirtschaften.
Dito. Es ging und geht mir nicht anders wie dir. Aber natürlich sind wir uns beide auch darüber im Klaren: Das ist ebenfalls ein Luxus, den sich nicht alle leisten können. Im kommerziellen Bereich -, das hat z.B.
@soundjob hier erst kürzlich wieder wunderbar deutlich gemacht - , sieht alles schon wieder ganz anders aus, da wird manche Grenze schlichtweg von neuen Notwendigkeiten niedergerissen, und am Ende wird die Entwicklung von den (Massen)Konsumenten bestimmt. Doch genau deshalb sehe ich als freier Hobby-Nischenkünstler erst recht keinerlei Notwendigkeit, mich einer KI zu bedienen. Warum sollte ich mit deren Hilfe vorgeben, mehr zu können als ich kann? Ich muss zum Glück nichts verkaufen

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