Drama Ora et labora

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und mehr" wurde erstellt von schaldek, 20. September 2018.

  1. schaldek

    schaldek Super-Hoertalker Mitarbeiter

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    Hy Leute.
    Das Prosa Schreiben erfüllt mich zur Zeit ja sehr, muss ich sagen und ich werde das neben dem gelegentlichen Cutten weiter betreiben.
    Dennoch: Viel Spaß oder sowas hiermit! :)

    Ora et labora


    "Wie es einen bitteren und bösen Eifer gibt, der von Gott trennt und zur Hölle führt, so gibt es den guten Eifer, der von den Sünden trennt, zu Gott und zum ewigen Leben führt.“
    Zu oft hatte sich Bruder Feit diese Worte vorgesprochen; nun war es ganz ruhig in ihm geworden. Das Sonnenlicht im Fenster drückte seine Schultern wie Blei herunter und er stieß einen stillen Seufzer in sich aus.
    Wann hatte er das letzte Mal geschlafen? Er konnte es nicht sagen. Dominik fehlte ihm so sehr. Trotz allem, dachte Feit. Er würde dies hier für ihn überstehen.
    Vielleicht würde Dominik ja so endlich die Anerkennung bekommen, die er verdient hatte.
    Knarzende Schritte hinter der Tür rissen Feit aus seinen Gedanken. Jetzt ging es um etwas, dachte er sich. Sein Atem übernahm nun seinen Takt.
    Die Tür öffnete sich. „Feit? Kommst du bitte?“ Bruder Jonas blickte sich nicht um. Er musste es auch nicht. Alle anderen Brüder waren bereits gehört worden.

    „Setz dich doch“, sagte der Prior in seinem Sessel sitzend, den er nicht verlassen hatte, als Bruder Feit an den schmalen, provisorisch ausgestatteten Schreibtisch vor ihm getreten war.
    „Geht es dir soweit gut?“
    Feit setzte sich still auf einen kleinen Holzschemel vor dem Schreibtisch des Priors.
    „Ja, Prior.“
    „Ich freue mich, dass du hier bist. Wie du sicher weißt, habe ich heute ein paar Fragen zu stellen. Gleich für dich also und mit der Tür ins Haus. Heute sprechen wir über Dinge, über die in unserem Kloster sonst niemals gesprochen wird, zu denen ich mich aber heute veranlasst sehe.“
    Wie ruhig die Stimme des Priors klang, während er diese Worte sagte, dachte Feit sich kurz. Vielleicht würde dies ja doch nicht so unangenehm werden.
    „Sag mir, was reden du und deine Brüder? Und weswegen bin ich heute hier?“, fragte der Prior interessiert.
    „Es geht um Bruder Dominik, Prior. Richtig?“
    „Es geht um ihn, ja. “ Der Prior lehnte sich nun mit ernstem Blick nach vorn. „Und um die Umstände, die ... dazu ... führten. Siehst Du mich an, Bruder Feit?“
    Dieses Wort "dazu"! Der Prior hatte es laut ausgesprochen.
    „Entschuldigung, Prior. Es geht mir alles sehr nah.“
    Eilig hob Feit seinen Blick, der ohne sein Zutun herabgesunken war. Er sah in den Augen des Priors etwas Anklagendes. Es war kaum auszuhalten.
    „Feit, ich glaube auch, dass es dir sehr nah ging, aber das tut es für jeden anderen deiner Brüder hier im Orden. Gibt es denn einen Grund für mich, zu glauben, dass es gerade dir am schwersten fällt, seinen Freitod zu akzeptieren?“
    Im Takt seines festen Atems hatte Feit die letzten Worte des Priors mit angehört. Dann sagte er: „Was ich getan habe, tut mir letztlich sehr leid. Ich war sicher anmaßend. Aber es geschah ... ich wollte ihm irgendwie helfen aus seiner Isolation zu kommen.“
    Der Prior nickte. „Tja. Wer Gutes tun will – und zwar unbedingt – der ist nicht mehr verschlossen auch für schlechte Taten.“ Er lächelte nun. „Ja, Bruder Feit. Das war ein weltliches Zitat. Gesprochen von einem weisen Christen, den ich unendlich liebe und schätze. Jemand, der einst auch hier Zuflucht fand. Du weisst; allen armen Seelen da draußen, die bei uns an die Pforte klopfen, bieten wir Einlass. Allen bereiten wir den Boden – mit ihrer Hilfe – um Erkenntnis vor Gott zu ernten. Dies ist möglich, sage ich dir. Doch mehr und mehr Sorge macht sich der Orden dieser Tage um seine Brüder hier in unserem bescheidenen Kloster. Das Gute im Weltlichen erkennen und leben – das, was ein jeder von uns im Leben mit Gott anstrebt – ist dies noch ein erstrebenswertes Ziel? Sprich, Bruder Feit!“
    „Aber ja doch, Prior. Natürlich!“, fuhr es aus ihm heraus. Aber als wären seine Worte aus Stille, waren sie einfach in sich zerfallen.
    „Die armen Seelen, die zu uns kommen“, sprach der Prior plötzlich lauter, „sie suchen hier in diesen Mauern die Vergebung! Aber sie können sich nicht lösen von ihren Sünden!“
    „Es tut mir so leid!“ Feits Blick war wieder auf seinen Schoß gesunken. Sofort hatte er er die Anspielung an Bruder Dominik erkannt und dessen Hoffnung, als der vor einigen Wochen ans Tor des Klosters geklopft hatte. Den Brief von Bruder Feit in seinen Händen, der Dominik hierher gebracht hatte.
    Der Prior schwieg. Schon eine ganze Weile! Was war jetzt? Was konnte das bedeuten, dachte sich Feit eilig. „Ich, ich akzeptiere jede Strafe, Prior“, sagte er schließlich in die Stille hinein.
    Wie einen kühlen Atemzug mussten seine allzu weltlichen Worte den Prior nun erreicht haben, denn er antwortete schnell: „Aus mir sprach gerade die Stimme des Ordens, dem ich mit all meinem Sein ergeben bin. Diese Worte: ...sie können sich nicht lösen von ihren Sünden! Bruder Feit, ich – Prior und Mitglied des Ordens der Augustiner – legte gestern Rechenschaft ab. Gott ist doch mein Zeuge, aber ich legte Rechenschaft ab! Mir wurden Fragen gestellt, Bruder Feit! Wegen dir! Wie kann es sein, musste ich hören, dass einer deiner Brüder – Prior – sich beim gemeinsamen Sonntagsmahl mitten im Refektorium so etwas anmaßt? Was für ein Kloster führst du, in dem ein Bruder namens Feit, der kaum zwei Monate bei dir ist und den du nährst, beim Sonntagsmahl statt aus der heiligen Schrift vorzulesen, eigene Worte spricht? Und letztlich auch noch so einen Vergleich bei führt?
    Feits Atem bebte. Nun musste er es sagen. „Er war doch mein Bruder, Prior! Mein Bruder!“
    „Wie meinst du das?“, fiel ihm der Prior ins Wort, streng und resümierend.
    „Sie wissen es doch schon! Die anderen Brüder werden es erzählt haben!“
    „Weil ihr Gewissen es brauchte, Bruder Feit. Also! Ich höre!“
    „Er war mein Bruder! Schon vor unserer Zeit hier im Kloster!“
    Der Prior nickte. „Dein Bruder!“
    „Wie konnte ich seine Seele noch mehr leiden sehen!", flehte Feit. "Beim Grab seiner Frau und seines Kindes! Tage und Wochen! Er brauchte Hilfe!“
    Der Prior hatte sich zur Seite gelehnt, Bruder Jonas war zu ihm geeilt und notierte in einen winzigen Block in seiner Hand die Worte des Priors: „Er ist zu uns gekommen, aus einem Antrieb heraus, der nicht seiner war! So.“ Der Prior blickte Feit an und schnaufte kurz. „Okay. Bruder Dominik hatte also schon vorher solche sündhaften Gedanken, ja?“ Er legte vor sich die Hände zusammen.
    Feit verstand nicht. „Ja. Und fragen Sie gar nicht, wieso?“
    „Ich stelle mir viele Fragen, Bruder Feit. Das macht der Mensch, wenn andere, denen die Fragen gestellt werden, nicht auf diese antworten. Und dann – weil dies nicht nötig sein muss in einer gütigen Gemeinschaft – frage ich eben wieder. Und wieder. Und letztlich alle Brüder dieses Ordens, um nun, nach einem langen Tag zu wissen, dass gerade Du die Antwort kennst. Denn ich nehme die Aufgabe, die der Orden mir hier abverlangt, an. Und ich frage nicht mehr länger mich, sondern dich, Bruder Feit, wie um alles in der Welt du so einen Vergleich bei führen konntest! Mitten im Refektorium, als die Mönche ihr Brot nahmen.“
    „Aufrichtig bitte ich um Vergebung, Prior! Mein Bruder, er war sehr verschlossen. Dafür gab es einen Grund -“
    Der Prior unterbrach Feit erneut. „Dein Bruder! Er sprach nicht! Er betete nicht! Zumindest nicht in Anwesenheit irgendeines Bruders! Etwa in deiner, Bruder Feit?“
    „Nein.“, sprach Feit leise.
    „Und deswegen trafst Du dann eine Entscheidung für ihn, Bruder Feit? Dass, statt ihm, du seinen Platz beim Sonntagsmahl einnimmst?“
    „Ich hatte alles daran gesetzt, dass die Brüder ihm diese Möglichkeit gaben. Dass er nun vorlesen dürfe beim Sonntagsmahl. Wir alle wollten ihn ermutigen, endlich teilzunehmen an der Gemeinschaft. Aber er kam ja Sonntag nicht dazu.“
    Wieder winkte der Prior Bruder Jonas von der Seite heran und schnippte nun zweimal mit dem Finger. Der blätterte eilig in seinem winzigen Block und zitierte dann mit kräftiger, heller Stimme: „ … und so wie Jesu litt, so leiden andere. Und so, wie Jesu tat, so tun wieder andere, die selbstlos sind im Leben und die wir übersehen. Die alles geben, Fleisch und Blut für ihre Kinder ...“
    Bruder Feits Kopf folgte seinem Blick und sank auf die Knie. Er schluchzte aus ganzem Herzen. "Ich weiß doch jetzt, es war ein Fehler!"
    „Jesus Hände sind die deinen“, fuhr Bruder Jonas dennoch unnachgiebig fort, „und das Kreuz ist jedem schwer. Die Erlösung, die uns widerfährt, ist unser eigen. Das von Jesu, das von mir und das von Bruder Dominik. Dem ebenso Schlimmes widerfuhr wie Jesu.“
    Der Prior schnippte erneut und Bruder Jonas schwieg. „Und? waren das deine Worte, Bruder Feit?“
    „Sie haben es selbst gehört, Prior.“
    „Vor Jesus und vor Gott sind wir alle relativ! Erneut ein weltliches Zitat. Was heißt das denn?“, fragte der Prior plötzlich spitz.
    „Dass sich niemand über Jesus und über Gott erheben darf. Und auch nicht gleich stellen.“
    „Amen“, antwortete der Prior monoton. „Nichts geht über Gott. Er ist das Superlativ des Kosmos! Er ist dessen göttlicher Vater! Und willst du sagen, dass du dich nicht erhoben hast mit deinen Worten am letzten Sonntag im Refektorium?“
    Feit wußte nicht, wie ihm geschah. Welche Schuld gab der Prior ihm hier? Feit hatte nicht das Gefühl, dass er nun noch etwas erklären könne. Er versuchte es dennoch. „Prior! Seit Tagen hatte mein Bruder sich in seinem Zimmer verschanzt. Ich schlief im Klostergarten, wissen Sie?“, antwortete er leise.
    „Wo war er denn bei deiner Ansprache zum Mittag?“
    „Er … er muss geplant haben, zum Sonntagsmahl aus dem Zimmer zu kommen, um die Gunst der Stunde zu nutzen.“
    Der Prior nahm Feits Tonfall an: „ ... und die Treppenstufen der Sakristei zu erklimmen, um letztlich auf ihr Dach zu steigen. Eine geplante Tat. Zu geplanter Zeit.“
    Feit wimmerte. Er sah seinen Bruder vor sich, wie der sich mit verschlossener Mine am Seitengiebel des Daches festgehalten haben musste und mit ebenso verschlossenem Blick geradeaus nach vorne sank.
    Eilig riss Feit die Augen auf. Der Prior blickte ihn freundlich an. „Jetzt haben wir ihn beide gesehen, in seiner Absicht.", sprach er. "Sein Ende im Klausurgarten des Klosters, herbeigeführt durch -“
    „Durch Feuer!“, schrie Feit wütend. „Ein Feuer im Stall, wo vor einigen Wochen sein Vieh verbrannte! Wo seine Tochter und seine Frau alles gegeben hatten, um die Tiere freizulassen, während er eilig Brunnenwasser herbei geholt hatte.
    Es war mitten in der Nacht und es war zu spät! Das Dach brach unter ihnen zusammen als mein Bruder mit dem Wasser kam. Er hörte ihre Schreie, bis nur noch die Flammen zu ihm sprachen. Mit all ihrem zerstörerischen Knurren und Ächzen!“ Feit weinte bitterlich. So lange, bis es still um ihn wurde.
    Der Prior sah ihn an. Vermutlich schon die ganze Zeit. Dessen freundlicher Blick hatte sich nicht gewandelt.„Niemand hier spricht über Vergangenes, Bruder Feit!" sagte er wie am Ende einer Predigt. "Vor dem Antlitz Gottes sind wir hier bei ihm. In seinem Schoß. Und wir hinterfragen nicht sein Werk.“ Der Prior stand auf und ging.
    „Komm ... Feit!“, raunte Bruder Jonas ihm zu. „Folge mir und lege dein Gewand ab. Und nimm deine weltliche Kleidung entgegen.“

    Es hatte zu dämmern begonnen. Eulen jammerten bereits in den Wipfeln der Tannen. Feit war seit ein paar Minuten unterwegs im tiefen Schlamm des Augustinerforstes. Würde er sich umblicken, das Kloster wäre längst nicht mehr zu sehen. Er würde nun ein neues Leben beginnen. In den Augen des Priors ein gottloses. Eine geplante Tat, widerfuhr es ihm verärgert. So hatte der Prior tatsächlich das genannt, was Dominik geschehen war. Für ihn war es nichts weiter als eine Erlösung vor Gott.

    ENDE
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. September 2018
    Yüksel und wer.n wilke gefällt das.
  2. wer.n wilke

    wer.n wilke wer.n the voice

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    ... tja, Marek - hier bekommst Du dafür noch einen Beitrag fürs HoerTalk-Forum, ja, weil mich Deine Geschichte irgendwo doch berührt hat, auch wenn ich nicht katholisch oder sonst irgendwie fromm bin. Nur paar winzige Korrekturen hab ich vorgenommen - aber höre selbst:

     

    LG wer.n :cool:
     
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  3. schaldek

    schaldek Super-Hoertalker Mitarbeiter

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    Oh, suuuuper! Dankeschön, Werner. :D Das freut mich jetzt wirklich. :)
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. September 2018
  4. wer.n wilke

    wer.n wilke wer.n the voice

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    ... jaja: ich mag solche Sachen. Und gleichzeitig ist das immer auch ne gute Übung. Auch für'n - sagen wir mal - reiferen Sprecher. Und weils eine nachdenkliche Geschichte ist: es geht ja letztlich um das Wort, und zwar das eigene:

    "Am Anfang war das Wort." Steht in der Bibel. Und: "Ich spreche, also bin ich." - sag ich. Du schreibst, also ... : viel Spaß und viel Erfolg im Schreibforum.
    :cool:
     
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