Drama Nächstenliebe

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schaldek

zuckerfrei
Teammitglied
Nächstenliebe

„Hey! Das wollte ich essen!“
Als ich Jodie am Buffet dieses Hochzeitsbanketts das letzte Stück Beef vor der Nase
wegschnappte, war es wohl um mich geschehen. Wie sie mich ansah; mit ihren stahlblauen Augen.
So verärgert, wie ich es bei Frauen mag.
„Teilen?“, rief ich ihr etwas hämisch hinterher, aber sie hatte sich bereits in einem Schwung vom Buffet weggedreht und war schon wieder in der bunten Masse der Feiernden verschwunden.
Okay, dachte ich bei mir. Keineswegs okay, stellte sich bald raus.

Weil ich es bereute, diese Gedanken mit ihr zu haben? Ob ich deswegen noch an diesem Abend ins Gemeindehaus zurückkehrte, obwohl ich davon ausgehen musste, dass dort kaum noch jemand sei, der mir zuhören würde?
"Ich war ein Idiot."
Ja, ich war ein Idiot.
Finn war da. Er ließ die Kopien Kopien sein und schloss die Tür dieses kleinen, fensterlosen Raumes mit den Büromaschinen hinter uns zu.
„Yann. Du hast gegen alles verstoßen, was wir damals auf Taku-Island beschlossen haben.
Wie willst Du das, verdammt noch mal gegenüber Brad wieder gut machen?“, schimpfte er, wie man es von keinem Mitglied der Katholischen Jugend Gotha/ Michigans erwarten würde.
„Ich konnte doch nicht ahnen, dass sie dieses Stück Fleisch noch haben wollte.“
„Das glaube ich Dir nicht, Yann. Ich weiß, wie Du bist. Und bleibst.“
„Ach, klar! Und Du bist hier der große Geläuterte, was?“, giftete ich.
Mein Tonfall war patzig. Tatsächlich: Finn hatte recht. Ich klang wie immer.
Aber musste ich wirklich Rechenschaft gegenüber Finn ablegen? Buße tun?
Finn ging vor mir auf und ab und wartete auf eine Antwort.
Als ein guter Christ und späterer bester Freund aus gemeinsamen Jugendfahrten
hatte er längst in mir zu lesen gelernt wie in einem Schundroman. Ich war schon immer selbstsüchtig in seinen Augen gewesen und ich war es angeblich auch vor Gott, der - genau wie Finn - um die Lektüre unter meinem Bett wusste.

Hatte unser gemeinsames, schicksalhaftes Erlebnis auf Taku-Island mich eventuell gar nicht geläutert? War ich wirklich so wie eine der Figuren aus den Büchern unter meinem Bett?
Wie oft hatten Finn und ich seit der letzten Wallfahrt und unserem Freunde-Ausflug nach Taku über Brad geredet. Wie schambesetzt war er damals. Wie dankbar und geläutert hatte sich Finn später gezeigt, dass er selbst noch lebte – und ich selbstverständlich auch.
Obwohl Brad in der Lagune von Taku-Island für immer zurückgeblieben war.
Wo war an diesem Abend im Gemeindehaus seine Dankbarkeit hin und seine Freude?
Ich saß nun auf dem Boden im Geräteraum und weinte.
In meinen Gedanken, die ausschließlich von Finn gesteuert wurden, blitzte eine kleine, bronzene Tafel auf, die in Granit eingelassen war. Brad Schwolko stand darauf.
"Was habe ich Dir gesagt, Yann? Du musst demütig sein! Schon damals, am Ufer des Seefriedhofes von Ticua habe ich es Dir herunter gepredigt!"
"Von diesem Moment an überlassen wir jedem anderen Menschen die Wahl. Nicht uns. Niemals wieder! Wir werden uns immer fügen gegenüber unseren Mitmenschen und unsere eigenen Bedürfnisse hinten anstellen. Das schulden wir Brad. Und auch dem Herrn. Wir stehen in seiner Pflicht. Amen.“

Nun kam Finn mit langsamen Schritten auf mich zu und kniete sich runter.
„Yann, ich weiß, dass Du einige Wochen so gelebt hast. Es wirklich wolltest. Aber ich spüre, dass Du das seit Kurzem nicht mehr tust. Und dass Du diese Jodie treffen wirst."
Die Heizung in meinem Rücken bedrängte mich. Ich rüttelte umso heftiger an den Fesseln, die bereits tiefe Einschnitte an meinen Handgelenken hinterlassen hatten.
„Was stimmt nicht mit Dir, Finn?!“, sagte ich wutschnaubend. „Das hier steht in keinem Verhältnis. Du kannst mich nicht einfach festhalten.“
Finn schlug mir ins Gesicht. „Wir könnten beide tot sein!", schrie er.
"Wir beide müssen das hier schätzen. Es ist ein zweites Leben, aber kein geschenktes.
Es ist mit einer Lebensaufgabe verbunden."
Fest hatte Finn mein Kinn gegriffen.
„Wieso verstehst Du das nicht?!“
Was gibt es daran nicht zu verstehen, versuchte ich, Finns Gedanken aus meinem Kopf
zu verdrängen. Drei junge Männer landen mit einem Schlauchboot an der Steilküste von Taku-Island und wollen sie erklimmen.
Sie verlieren sich beim Aufgang in einer Höhle, die schon bald zu einer Schlucht wird. Das Wetter schlägt um. Die drei klettern um ihr Leben weiter nach oben, aber enden in einer Sackgasse. Ein Vorsprung im Fels wirft Licht.
Als junger, schlanker Mann passt man vielleicht da durch!?

Seit einigen Momenten schon sagte Finn nichts mehr. Er lehnte an einem der Arbeitstische und grübelte einsam. Auch ich hatte mich beruhigt und meine Stimme war ruhig und dunkel geworden.
„Es ist nur Dein schlechtes Gewissen, Finn. Es stalkt Dich! Es ist da, weil Du es zulässt.
Es ist da, weil Dich unsere Entscheidung, wer wann aus der Lagune herausklettern musste, ehe die Strömung uns alle zermalmt hätte, nicht mehr loslässt.
Erst ging ich, dann Du. Für Brad - war es eben zu spät. Aber auch für Dich, Finn! Du sitzt noch dort am Boden und schüttelst diese schlechten Gedanken ab wie das Wasser, das an uns hochrauschte. Aber genau wie Brad das Wasser nicht mehr abschütteln konnte, kannst Du diese Gedanken nicht abschütteln. Versuche endlich, damit zu leben!“
Lange sah ich ihn an. Seine Stirn legte sich in Falten und sein Blick fiel nach innen.
Da sah er sich wohl nun; am Boden der Lagune treibend.
Regungslos. So, wie Brad.
„Sagst Du mir jetzt, was du vorhast?“, fragte ich ihn in der Hoffnung auf ein schnelles Ende.
„Ja, das weiß ich, mein Freund!“, nickte er betrübt. Er griff zum Teppichmesser neben sich.
„Pass auf!“

Wie sich alles fügte, dachte ich noch. Zwei lachende Menschen bei Kerzenschein und ein
voll dunkler Gedanken lauernder Mensch auf der gegenüberliegenden Straßenseite, durch dessen Augen ich dank Finns Demut noch blicken durfte.
Was ich sah, gefiel mir nicht.
„Du bist nicht besser als ich. Du quälst Dich so wie mich nun, Finn! Sieh das endlich ein!“
"Und ich weiß, dass Du keine zweite Chance verdient hast. Aber ich schon.“ , hatte Finn gezischt und die Fesseln durchschnitten.
Im Regenschatten des Vordaches trat ich nun zur Seite, konnte aber die beiden Menschen im Fenster nicht mehr sehen. Wahrscheinlich hatten sie es sich nun in seinem Loft woanders bequem gemacht.
Finn war so ein Narr! Er hatte mir keineswegs eine Lektion erteilt. Das musste er gar nicht,
denn ich war demütig. Ich hatte Abstand von Jodie genommen, sie nie zurückgerufen.
Und nun: sie mit ihm!
Sie! Mit ihm!

Wir alle treffen eine Wahl, dachte ich und schritt wie elektrisiert auf die Eingangstür des Appartementhauses auf der anderen Straßenseite zu, um den beiden so zu begegnen wie man es tat; als Figur aus einem der Bücher unter meinem Bett!

ENDE
 

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