Ein kleiner Einblick in die Schöpfungs Geschichte von Alvari (das gesamt Kapitel der Schöpfungs Geschichte hat 4356 Wörter insgesamt)
Lektoriert wurde das Ganze von einer sehr guten Freundin lila (Spitzname) Künstlerisch begab ist und bald auch Illustrationen für Alvari gestalten wird.
Nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen

:
Die Schöpfung aus Sicht des ehrwürdigen Chronisten Levru, niedergeschrieben im Jahre 1345 n.A. („nach dem Atem“).
Es gibt viele dieser Schriften, doch viele Gelehrte sehen in der Schrift von Levru die vermutlich detaillierteste Beschreibung dessen, was die Schöpfung einst vollbrachte.
Bevor der erste Stern am Himmel erstrahlte, bevor die ersten Meere ihre Wellen gegen fremde Ufer schlugen und bevor ein einziges Lebewesen seinen ersten Atemzug tat, gab es nichts, was einen Namen trug.
Es gab nur Dunkelheit.
Und selbst Dunkelheit benötigt Licht, um als solche erkannt zu werden. Und selbst Leere benötigt etwas, das ihr gegenübersteht, um wirklich leer genannt werden zu können.
Eine Stille, so vollkommen, dass kein Klang sie jemals gebrochen hatte. Eine Stille, so alt, dass selbst die Ewigkeit neben ihr wie ein junger Gedanke erschien.
Und doch war diese Stille nicht leer.
Denn in ihrem Innersten ruhte etwas, das älter war als alles, was jemals existieren würde.
Anatûrilë.
Die Erste Wahrheit.
Der Ursprung allen Atems.
Niemand weiß, was Anatûrilë wirklich war. Die ältesten Gelehrten Alvaris stritten darüber, ob sie eine Göttin, eine Kraft oder etwas war, das weit über jede Vorstellung hinausging.
Manche Schriften beschreiben sie als eine Mutter, die aus ihrer eigenen Essenz alles Leben gebar.
Andere erzählen, dass Anatûrilë niemals eine Gestalt besaß, sondern vielmehr der erste Gedanke des Universums selbst war.
Doch in einem waren sich alle alten Überlieferungen einig:
Bevor irgendetwas war, war Anatûrilë.
Und lange Zeit existierte sie allein.
Sie kannte weder Freude noch Trauer, weder Hoffnung noch Verlust. Denn solche Gefühle entstehen erst, wenn etwas anderes neben einem selbst existiert. Anatûrilë kannte keine Einsamkeit, denn Einsamkeit entsteht erst, wenn man etwas vermisst.
Doch irgendwann entstand in der vollkommenen Stille ein Gedanke.
Nicht geboren aus Schmerz.
Nicht geboren aus Sehnsucht.
Sondern aus einem Wunsch.
Dem Wunsch, dass die Stille eine Antwort erhalten sollte.
Und so tat Anatûrilë etwas, das niemals zuvor geschehen war.
Sie atmete.
Nur ein einziges Mal.
Aus ihrem Atem entstand ein Funke.
Klein und unscheinbar, verloren in der unendlichen Weite der Stille.
In diesem Funken lag etwas, das niemals zuvor existiert hatte.
Leben.
Der Funke begann zu wachsen. Er wurde heller, größer und mächtiger, bis aus ihm ein Wesen entstand.
Ein Wesen, das die Stille betrachtete und zum ersten Mal eine Frage stellte.
„Warum existiere ich?“
Dieses Wesen war Fylarûn.
Das erste Licht.
Der erste Schöpfer.
Das Kind des Atems Anatûrilës.
Als Fylarûn seine Augen öffnete, sah er keine Welt.
Er sah nur die unendliche Weite, aus der er geboren worden war.
Er hörte keinen Klang.
Und dennoch empfand er etwas, das selbst Anatûrilë niemals gekannt hatte.
Denn Fylarûn erkannte, dass seine Existenz nicht zufällig war.
Er war geschaffen worden.
Doch er wusste nicht warum.
Lange Zeit wandelte Fylarûn durch die endlose Stille und suchte nach einer Antwort. Er betrachtete die Leere und fragte sich, ob ein einzelnes Licht wirklich Licht sein konnte, wenn es niemanden gab, der es sah.
Schließlich wandte er sich an Anatûrilë.
Und obwohl es noch keine Worte gab, verstand die Quelle seinen Wunsch.
Sie gab ihm kein Wissen.
Sie gab ihm etwas Größeres.
Die Fähigkeit zu erschaffen.
„Erschaffe“, sprach Anatûrilë ohne Stimme.
„Denn aus Schöpfung entsteht Erinnerung. Und aus Erinnerung entsteht Bedeutung.“
Und so begann Fylarûn seinen ersten Akt.
Er formte aus der endlosen Stille den Raum.
Er schuf die Weite, in der alles Kommende seinen Platz finden sollte.
Er erschuf die Zeit, damit Veränderung möglich wurde.
Denn ohne Zeit gäbe es keine Geburt, kein Wachstum und keine Geschichte.
Dann entzündete er das erste Licht.
Nicht das Licht der Sonne.
Nicht das Licht der Sterne.
Sondern das ursprüngliche Licht der Schöpfung selbst.
Aus diesem Licht entstanden die ersten Farben.
Aus den Farben entstanden die ersten Formen.
Und aus den Formen begann eine Welt Gestalt anzunehmen.
Fylarûn gab dem Wasser seine Bewegung, damit es fließen konnte.
Er gab der Erde ihre Stärke, damit sie tragen konnte.
Er gab dem Feuer seine Kraft, damit es wärmen und verändern konnte.
Er gab dem Wind seine Freiheit, damit er die Welt berühren konnte.
Doch etwas fehlte noch.
Denn eine Welt aus Elementen allein war wunderschön.
Aber sie war still.
Und so erschuf Fylarûn den Klang.
Den ersten Ton, der jemals durch die Schöpfung hallte.
Dieser Klang war nicht laut.
Er war nicht gewaltig.
Aber er war lebendig.
Und aus diesem ersten Ton entstand Damlâ.
Die Erste Stimme.
Die Seherin der Möglichkeiten.
Denn während alle anderen Dinge durch Fylarûns Willen entstanden, wurde Damlâ aus dem Klang selbst geboren.
Sie war die Erste, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich erblicken konnte.
Und als Damlâ ihre Augen öffnete, sah sie etwas, das selbst Fylarûn nicht sehen konnte.
Sie sah nicht nur, was erschaffen worden war.
Sie sah, was daraus werden konnte.
Und zum ersten Mal erkannte sie eine Wahrheit, die den Verlauf aller kommenden Zeitalter bestimmen sollte:
Keine Schöpfung bleibt für immer so, wie ihr Schöpfer sie erschaffen hat.
Denn jedes Leben besitzt einen eigenen Willen.
Und jeder Wille besitzt die Macht, die Welt zu verändern.
Lange Zeit betrachtete Fylarûn seine Schöpfung.
Er sah, wie die Flüsse ihren Weg durch die junge Welt fanden. Er sah, wie die Berge aus der Erde emporstiegen und ihre Gipfel dem Himmel entgegenstreckten. Er sah, wie die ersten Winde über die Ebenen zogen und die ersten Tropfen des Wassers die Oberfläche der Meere berührten.
Alvari war wunderschön.
Doch trotz all dieser Schönheit spürte Fylarûn, dass etwas fehlte.
Denn eine Welt konnte existieren, ohne verstanden zu werden.
Sie konnte atmen, ohne zu leben.
Sie konnte bestehen, ohne eine Seele zu besitzen.
Fylarûn hatte Elemente erschaffen.
Er hatte Raum und Zeit erschaffen.
Er hatte Klang und Bewegung erschaffen.
Doch er hatte noch niemanden erschaffen, der all dies mit eigenen Augen betrachten konnte.
Damlâ, die Erste Stimme, sah dies ebenfalls.
Sie, die Seherin der Möglichkeiten, blickte in die unzähligen Wege, die vor der Schöpfung lagen. Sie sah Zeitalter, die noch nicht geboren waren. Sie sah Königreiche, die entstehen und wieder vergehen würden. Sie sah Helden, deren Namen in Liedern verewigt werden würden, und jene, deren Taten niemals jemand erfahren sollte.
Doch in all ihren Visionen erkannte sie eines:
Die Schöpfung war noch unvollständig.
„Eine Welt ohne Herzen wird niemals eine Geschichte erzählen“, sprach Damlâ.
Und Fylarûn verstand.
Denn eine Geschichte benötigt nicht nur einen Anfang.
Sie benötigt jene, die sie schreiben.
So wandte sich Fylarûn erneut der Schöpfung zu und erschuf nicht aus Erde, nicht aus Wasser und nicht aus Feuer.
Diesmal erschuf er aus einem Teil seiner eigenen Essenz.
Aus seinem Licht und aus seinem Willen.
Und so wurden zwei Wesen geboren.
Zwillinge.
Geschwister des ersten Lichtes.
Der Erste trug die Flamme der Erneuerung in sich.
Sein Name war Livartar.
Das Feuer, das niemals vergeht.
Livartar war die Kraft des Wandels. In seinen Händen lag die Macht, Verlorenes neu entstehen zu lassen. Wo sein Licht erschien, erwachte neues Leben. Wälder, die verbrannt waren, konnten wieder erblühen. Hoffnung, die verloren schien, konnte zurückkehren.
Doch Feuer besitzt nicht nur die Kraft zu erschaffen.
Es besitzt auch die Kraft zu zerstören.
Und tief in Livartars Herzen brannte eine Frage:
Wenn alles verändert werden kann, warum sollte dann irgendetwas bleiben, wie es ist?
Der Zweite trug die Ruhe der Ewigkeit in sich.
Sein Name war Lysar.
Der Schatten, der bewahrt.
Lysar war nicht die Dunkelheit, die zerstörte.
Er war die Dunkelheit, die erinnerte.
Er bewahrte die Geschichten vergangener Zeiten. Er hütete die Erinnerungen an alles, was gewesen war. Wo andere nur das Ende sahen, sah Lysar den Wert dessen, was verloren gegangen war.
Er glaubte, dass nichts wirklich verschwinden durfte.
Denn in seinen Augen war Vergessen die größte Form des Todes.