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Krimi Ein neues Konto für Jule

Nee

Schokoladenvernichterin
Sprechprobe
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Hallo zusammen,
nach langer Zeit habe ich mal wieder in die Tasten gehauen. :) Ich würde mich über Feedback freuen - und natürlich, wenn ihn jemand einsprechen mag.

Spricht hier jemand Russisch? Ergeben "Gowno" und "Mitjerschnik" als Umschrift ihm lateinischen Alphabet noch Sinn? Wie glaubwürdig/passend sind die eingebauten Grammatikfehler?

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"Drückt er gerade den Knopf?", dachte Jule und rief sich den nächsten Ausgang in Erinnerung. Doch der Anzugträger zog ein dunkles Lederetui aus der Schublade und schloss sie weder. Jule strich ihren Rock glatt. Es war zu einfach.

"Darf ich Ihnen meinen Stift anbieten?", fragte er. Jule nickte, setzte sich auf ihrem Stuhl nach vorne und ein höfliches Lächeln auf. Sie schob die kleine, immer noch fast volle Espressotasse beiseite, näher an die Tischkante. Kapselkaffee, vermutete sie. Der Aluminiumgeschmack klebte immer noch an ihrem Gaumen. Genau wie ihre Zunge. Sie räusperte sich.

Jule blätterte den Vertrag zum zweiten Mal durch. Durch die Sonnenbrille konnte sie ihn nur schwer lesen, aber sie gehörte zum Spiel. Jule, bzw. die Oligarchentochter Irina Mitjerschnik, würde bei dieser heimtückischen Bank ein Konto eröffnen. Der Anzugträger wartete geduldig. Vermutlich gab er die Millionen, die er erwartete, schon gedanklich aus. Sie spannte ihre Schultern noch weiter an. Als sie auf der letzten Seite angekommen war, griff sie nach dem Füllfederhalter. Sie rückte näher an den Tisch und holte theatralisch aus, um den Stift anzusetzen. Beinahe hätte sie aufgrund der künstlichen Dunkelheit die Tasse verfehlt.

Jule quietschte auf und sprang auf die Beine. "Gowno", kratzte sie ihr letztes bisschen Schulrussisch zusammen. "Meine Kostüm", fügte sie mit russischem Akzent hinzu. Wie erwartet war auch der Anzugträger aufgesprungen. "Frau Mitjerschnik, haben Sie sich etwas getan? Ich hole ihnen ein Tuch" Als er nach dem Telefon griff, hielt sie seinen Arm fest. "Nein, kein zweites Person soll mich hier sehen. Das ist sehr, sehr wichtig für mich und mein Vater." Er sah sich im Raum um, wollte erst zu einer Schublade greifen, überlegt es sich dann aber doch anders. "So ist's richtig", dachte Jule, "du wirst mir doch wohl für meinen feinen Zwirn kein zerfaserndes Taschentuch anbieten wollen."

"Ich bin gleich wieder zurück", beruhigte er sie und durchquerte hastig den Raum. Er hatte nicht mal den Knopf seines Jacketts wieder geschlossen, registrierte Jule. Es hatte funktioniert. Sie war wirklich alleine im Büro des Direktors. Die Jalousien waren zugezogen, die Tür ebenfalls zu. Sie spürte ihren Herzschlag im Hals. Jule schob die Brille hoch, schritt um den Schreibtisch und konnte kaum fassen, was sie sah. Der Computer stand einfach da. Nicht abgeschlossen, nicht in den Schreibtisch eingelassen, sondern frei zugänglich. Wäre der Schreibtisch auf der Kundenseite nicht geschlossen, sie hätte den Späher schon zuvor anbringen können. Hastig drückte sie ihn in den USB-Port. Für einen nicht allzu aufmerksamen Betrachter würde er aussehen wie ein nicht-abgezogener Plastikschutz.

Sie glitt zurück auf ihre Seite des Schreibtischs, zog die Sonnenbrille wieder hinunter und zupfte an ihrer nassen Kleidung. Mit Genugtuung bemerkte sie den brauen Fleck in seinem Teppich. Der Anzugträger betrat wieder sein Büro und überreichte ihr ein feuchtes Frotteetuch. Ein zweites, trockenes trug er noch über dem linken Arm. Beinahe wirkte er wie ein Kellner. "Arbeiten für den Mindestlohn und ein karges Trinkgeld würde dir gut tun", dachte Jule. Bald würde er seinen Posten verlieren. Wenn er keine Erklärung haben würde, wie alle Konten der Bank geplündert werden konnten, würde sein Kopf rollen. Würde er die falsche Oligarchentochter beschuldigen? Oder sich schämen, dass er darauf reingefallen war? Sie und Paul, der unten noch den wartenden Fahrer und Leibwächter mimte, wären dann jedenfalls schon über alle Berge.

Sie bedankte sich, nahm auf dem zweiten Kundensessel platz, atmete dramatisch tief ein und reihte einige kyrillische Buchstaben auf dem Unterschriftenfeld aneinander, von der sie hoffte, dass sie Irina Mitjerschnik bedeuten würden. "Ich freue mich, Sie nun auch offiziell als Kundin unserer Bank begrüßen zu dürfen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mit mir darauf anstoßen würden." Er bewegte sich in Richtung eines modernen, dunklen Schranks.

"Ich hoffe, Sie verzeihen mir. Aber ich möchte wirklich gerne aus diese beschämende Aufzug heraus."
"Natürlich", meinte er väterlich, "dies hier ist Ihre Kopie." Er hatte schon unterschrieben bevor sie den Vetrag ein zweites Mal las. "Und hier noch meine Karte", sagte er und schob selbige in die Hülle des Vertrags, "Zögern Sie nicht mich anzurufen."
Jule wandte sich zum Gehen und der Anzugträger ebnete ihr den Weg mit einer Schleimspur, auf der sie bis nach Moskau gleiten könnte.

Seine Gier war sein Untergang.
 
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