Poldi

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Gruselkabinett – 80. / 81. Der Mönch

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Erster Eindruck: Von Begierde in der Kirche

Seit einigen Wochen predigt Ambrosio, der Abt eines Mönchsklosters, in der angeschlossenen Kirche zu seiner Gemeinde. Dabei zieht er alle mit seiner ausdruckstarken und charismatischen Art auf seine Seite. Auch Leonella und Antonia Dalfa dürfen in der überfüllten Kirche der Rede für sexuelle Enthaltsamkeit und gegen die Verführungen des Teufels lauschen. Dabei lernen sie zwei Edelmänner kennen, die sich für Tante und Nichte zu interessieren scheinen. Doch Leonella hegt noch andere Pläne mit ihnen…

Mit „Der Mönch“ hat sich Titania Medien ein Werk von Matthew Gregory Lewis ein Werk vorgenommen, das unglaublich komplex ist, verschiedene Handlungsstränge und zahlreiche verschiedene Charaktere in sich vereint. Herausgekommen ist dabei ein Zweiteiler, der mit einer Länge von knapp über zweieinhalb Stunden locker der Dauer der meisten Spielfilme mithalten kann. Die Einführung der verschiedenen Charaktere und deren Verhältnis untereinander werden behutsam, aber konsequent weitergeführt. In der ersten Szene lernt der Hörer insbesondere Leonella und Antonia Dalfa kennen, aber auch Lorenzo de Medina und Christoval Conde d’Ossorio werden hier eingeführt – und dann auch Ambrosio, den man vorerst aus einer neutralen Perspektive kennen lernt, erst später darf man auch ihn näher betrachten. Immer weitere, für die Handlung wichtige Personen werden vorgestellt, ein wahres Geflecht aus menschlichen Beziehungen dargestellt. Doch trotz aller Komplexität lässt sich alles mit der nötigen Aufmerksamkeit erfassen und nachverfolgen. Angesiedelt ist die Handlung im Umfeld der spanischen Kirche, einem Mönchs- und Nonnenkloster, die Themenwahl ist dabei umso brisanter. Es geht um das körperliche Verlangen, Begierde Wollust, dem einige der Charaktere nach und nach verfallen. Wie hart die Kirche gegen diese vorgeht, aber auch wie ihre Anhänger selbst nicht vor ihr gefeit sind, wird in eindrucksvollen Szenen dargestellt. Die Sprache ist dabei der Zeit des auslaufenden 18. Jahrhundert angepasst und dementsprechend altertümlich, aber doch gut verständlich und in ihrer Bildhaftigkeit beeindruckend. Der Verlauf bietet vorerst nur wenige übernatürliche Elemente, und auch der Grusel will sich erst im späteren Verlauf der zweiten CD einstellen. Dafür bekommt man ein sehr vielfältiges und spannendes Hörspiel präsentiert, das in seiner Intensität beeindruckend ist. Und im späteren Verlauf kommt dann auch eine sehr dunkle, bösartige Macht ins Spiel, die ihre Fäden geschickt gesponnen hat. Einige Vorgänge in der Handlung erschließen sich erst dann vollends, während die Geschichte noch einmal auf eine andere Ebene gebracht wird. Dabei sind einige sehr heftige Szenen enthalten, die nicht nur auf die körperliche Lust abzielen, sondern gerade auch am Ende schockierende Erkenntnisse heraufbeschwören. Ein sehr beeindruckendes und intensives Hörspiel, das wunderbar in diese hervorragende Reihe passt.

Für die große Anzahl an verschiedenen Charakteren ist auch eine beeindruckende Schar an sehr professionellen und bekannten Sprechern engagiert worden. Den ebenso charismatischen wie eindringlichen Mönch Ambrosio spricht der wunderbare David Nathan mit seiner sehr prägnanten Stimme, kann die Intensität seiner Begierde und seiner Verlangens, aber auch die schwindende Kraft seines Glaubens bestens darstellen. Marie Bierstedts sanfte und helle Stimme passt wunderbar zu der unschuldigen, aber begehrlichen Antonia Dalfa, sie kann besonders am Ende noch einmal aufdrehen und mit ihrem glaubhaften Spiel den Hörer erschüttern. Julia Stoepel ist als junge Novizin Agnes de Medina ebenso gut besetzt, die Verzweiflung scheint ihr aus allen Poren zu steigen, ihre verzweifelte Lage wird durch sie sehr präsent dargestellt. Dagmar von Kurmin begeistert als hartherzige Äbtissin Agatha, die ihren Glauben und die in ihrem Denken gottgegebene Ordnung um jeden Preis durchsetzen will. Ihre harte, ausdrucksstarke Stimme kann dies sehr gut vermitteln. Axel Lutter sorgt am Ende noch für einige sehr intensive Momente. Weitere Sprecher sind Margot Rottweiler, Arianne Borbach, Rubina Nath und Hasso Zorn als Erzähler.

Wie immer ist auch dieser Zweiteiler von Stephan Bosenius und Marc Gruppe sehr intensiv und eindringlich in Szene gesetzt worden. Man scheint förmlich selbst in der großen Kirche zu sitzen, hört ihren leichten Hall. Und auch die Lokalitäten auf den Straßen der Stadt oder den engen Räumen des Klosters klingen sehr glaubwürdig. Dabei sind einige der intensiveren Szenen deutlich lauter umgesetzt worden, sodass sie sich noch einmal vom Rest absetzen.

Zum ersten mal erscheinen die beiden Folgen eines Gruselkabinett-Zweiteilers nicht mehr zusätzlich zur zusammenfassenden Box auch allein, sondern lediglich zusammen. Trotzdem wurde für beide Folgen ein eigenes Cover gezeichnet. Während die erste Folge eine dunkel beleuchtete Nonne mit Gesichtsschleier und blutigem Messer zeigt, die durch die nächtlichen Flure ihres Klosters eilt, ist auf dem zweiten Bild, das gleichzeitig auch die Box ziert, Ambrosio mit seinem neuen Novizen zu sehen. Die rötliche Beleuchtung verleiht dem Ganzen eine dämonische und unheilvolle Wirkung.

Fazit: Die Geschichte um Begierde, Leidenschaft und den Zwang der katholischen Kirche wird hier sehr eindrucksvoll in Szene gesetzt. Die zahlreichen verschiedenen Charaktere und ihre Beziehungen zueinander werden sehr gut dargestellt, sodass trotz aller Komplexität alles gut nachvollziehbar bleibt. Die gruseligen Elemente kommen erst gegen Ende richtig zur Geltung, trotzdem ist der gesamte Verlauf sehr stimmungsvoll. Eine hervorragende Produktion, die mich wirklich mitgerissen hat.

VÖ: 11.Oktober 2013
Label: Titania Medien
Bestellnummer: 978-3-7857-4895-4
 
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