Horror/Drama Its my party!

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und mehr" wurde erstellt von schaldek, 13. September 2018.

  1. schaldek

    schaldek Super-Hoertalker Mitarbeiter

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    Its my Party

    1

    Verdammt! 2266Marston Rd.; Dare musste längst daran vorbeigekommen sein.
    Seit etwa einer Viertelstunde radelte er schon den Vally Drive entlang; neben sich nur mannshoch verdorrtes Gras, das der Wind ab und zu in gelbliche Böschungen eingeflochten hatte und hier und da sporadisch einem Zufahrtsweg Platz machte. Von einer Straßeneinfahrt aber keine Spur. Links neben ihm donnerten Trucks vorbei, aber nirgendwo ein Passant, den man hätte fragen können, wo hier eine Party steigen würde.
    Dare bremste, stieg von seinem BMX-Rad ab und starrte nun auf eine Gruppe bizarr in alle Richtungen ragender Briefkastenständer. Einer von ihnen war samt Pflock in einen Tonkrug eingelassen und halb in der Erde vergraben worden.
    Er quoll fast über vor Zeitungen und Briefen.
    2266 stand darauf. Okay, fast richtig. Aber das hier war nicht die Marston Rd., sondern der Vally Drive.
    Ach, was solls schon, dachte sich Dare. Dann würde er eben nicht zu dieser Geburtstagsparty gehen. Er fand das Anwesen der Marstons einfach nicht.
    Dann wäre er morgen mal wieder der Tagesdullie der Klasse und nicht – wie mittlerweile öfters – Jimmy. Das wäre dann eben sein verfluchtes Geschenk an ihn. So ein dämlicher Kindergeburtstag war eh nicht mehr seins, seit er letztes Jahr auf die Middle-School gekommen war. Und Jimmy war halt suspekt. Nur, weil der seit Frühjahr in die gleiche Klasse ging wie Dare, musste er ihn jetzt besuchen. Schönen Dank, Mum! Sympathisiert immer mit den Spastis. Wenn die Jimmy nur einmal dessen Selbstgespräche vor der Umkleide murmeln gehört hätte, dann hätte sie Dare nie im Leben dazu überredet.
    („Hier, Dare. Diesen Zwanzigdollarschein, den zerreiße ich jetzt. So, hier schon mal die eine Hälfte für dich. Die andere kriegst du nach der Party!“)
    Wie schade um das Geld, dachte Dare und schwang das BMX-Rad am Griff um sich herum.
    Er blickte kurz auf. Home of the happy MARSTONs, stand da plötzlich vor ihm. Die weißen Lettern auf dem Holzpfahl im Gras hatten wohl nach ihm gesucht und ihn letztlich gefunden.
    Daneben ein weißer Pfeil, der in Richtung einer geschwungenen Zufahrt zeigte.
    0,5 Meilen, stand auf ihm. Ach so, diese Zufahrt war die Marston Rd.!
    Na klar, widerfuhr es ihm! Marstons; Marston Road! Das einzige Haus der Straße!
    Dare hatte eine Idee. Er öffnete den Briefkasten und stopfte den Inhalt in seinen Rucksack.
    So machte er das auch manchmal bei seinen Nachbarn. Das freute immer Mr. und Mrs. Petersen, wenn man ihnen die Post persönlich brachte.
    Dare musste lachen. Das war jetzt das Geschenk für Jimmy. Er bog in die Zufahrt ein und beschloss, höchstens eine Stunde da zu bleiben.
    Hatte Mum ja nicht gesagt, wie lange er da ausharren müsse, kicherte er noch; nicht ahnend, dass er heute sehr viel länger in der 2266 Marston Rd. bleiben würde, als er in diesem glücklichen Moment dachte.

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    Es war totenstill.
    Der Weg hierher, der zunächst mit einer Reihe schräg im Wind stehender Pappeln versehen war, hatte bis hierher plötzlich jedes Geräusch verschluckt.
    Dare starrte nun auf ein knallrotes Garagenhaus mit zwei weißen, geschlossenen Toren. Daneben ein Pfeil, der - mit einem Knick versehen - nach rechts zeigte: 2266.
    Da wohnten also die Happy Marstons. Ihmoffenbarte sich hinter dem Spitzdach des Garagenhauses ein weiteres, viel größeres Dach in knallrot. Sah fast aus wie eine Scheune.
    Aber diese komische Stille. Ganz flüchtig kam ihm wieder der Gedanke, was es schon ausmachte, einfach wegzufahren und morgen der Klassendullie zu sein.
    Das seichte Klackern einer Gangschaltung fuhr hinter ihm heran.
    Vincent kam breitbeinig den Weg heran geradelt und hielt grinsend neben Dare an. „Yo! Hey, mein Alter!“
    „Hallo Vince!“
    „Na dann bin ich ja doch nicht ganz falsch, wenn du hier bist.“
    Ihre Fäuste stießen aneinander und Dare zog die Augenbrauen hoch. „Ich bin mir noch nicht sicher, Mann!“
    „Warum stehst du denn hier rum?“, fragte Vincent.
    „Es ist so still. Als wär gar keiner zu Hause. Klingt jedenfalls nicht nach einer Geburtstagsfete.“
    Vincent stieg vom Rad und schob es an. „Wir gucken mal! Ich will endlich Kuchen.“
    Dare hatte wohl keine Wahl, dachte er sich. Entweder es bestätigte sich gleich, dass niemand zu Hause war, oder er wäre zumindest nicht allein mit Spasten-Jimmy und seinen armen Eltern. „Hm. Kein Fahrrad weit und breit, siehst du?“, rief Dare dem stehengebliebenen Vince zu. Der starrte rechts auf ein flaches, barackenartiges Gebäude, das ebenso wie das Garagenhaus und die riesige Scheune links, in knallrot gehalten war. Die Farbe der Baracke war stark abgeblättert.
    Sämtliche Jalousien waren heruntergelassen, eine Markise zuckte auf Halbmast leicht im Wind. Davor ein winziger, piekfein geschmückter Vorgarten, der so gar nicht ins Bild passte.
    Mittendrin ein rosa Vogelhaus mit der Inschrift: „Home of the Happy Birdies!“
    Dare schaute zu Vincent rüber. „Nicht mal die Vögel sind zu Hause“, grinste er.
    Nachdenklich drehte Vince seinen Kopf zur Seite. „Aber du hast doch ne Karte bekommen, oder? Mit Datum und Uhrzeit. Und wir können uns doch nicht beide irren.“ sagte Vincent.
    Dare ging weiter. „Ich klingel einfach mal.“ Gerade wollte er die kleine Pforte zum Vorgarten aufhaken, da hörte er leise Schritte, die dumpf aus dem langen Schatten der Scheune zu kommen schienen. „Oh. Ähm, Vince?“
    „Ich höre es auch.“ Vincent drehte sich um und ging Richtung Scheunentor.
    „Die Party steigt hier drüben, ihr zwei“, gackerte plötzlich eine dunkle, amüsierte Stimme. Und da stand er: Spasten-Jimmy Marston! In einem etwas zu großen, schwarzen Unterhemd und kurzen, mit bunten Farben bekleckerten Jeans.
    „Ähm. Hi, Jimmy.“ Vincent trat an ihn heran und streckte ihm die Hand hin. „Happy Birthday! Ihr habt eine Partyscheune?“
    „Ich habe eine Scheune. Hier mach ich, was ich will“, sagte er, ohne ihm die Hand zu geben und drehte sich automatisch um. „Kommt, ich zeig sie euch. Hab ein neues Projekt. Wollt ihr sehen?“
    „Ähm, klar“. Dare schaute zum verwunderten Vincent rüber.
    „Ein Projekt?“, flüsterte der.
    „Hm. Weiß auch nicht. Los, geh rein!“
    Über knackende Dielen folgte er Vincent und beide betraten nun einen riesigen, hohen Raum, der fast wie eine Halle anmutete. Er war spärlich bestückt; rechts vorne zeichnete sich ein hellblaues Planschbecken ab.
    Daneben ein einfacher Basketballkorb samt Ständer, der auf der Seite lag. Und direkt neben Dare eine lange, blaue Filzdecke, die zwischen zwei Balken gespannt war. „Cool, Du hast ja eine Hängematte."
    „Da schlaf ich meistens, wenn meine Gedanken kreisen“, sagte Jimmy hell.
    Die Scheune wurde größer, je weiter man in sie hineinlief. In einigen Metern Höhe zogen lange Holzbalken über Dare und Vincent hinweg, an denen jemand eine Menge paarweiser alter Sneakers aufgehängt hatte.
    Von der höchsten Stelle des Scheunendaches hing zwischen dem anmutigen Balkengerüst – also direkt über ihnen - ein lilafarbener Kronleuchter herab.
    „Meine Mum mag Kitsch“, meinte Jimmy und zeigte nach oben. „Und ich krieg ihn von da oben nicht runter – dieses hässliche lila Teil. Mein Dad sagt aber, wenn ich den auch kaputt kriege, dann erzählt er mir, wie teuer der war.“
    Er verzog sein Gesicht zu einer übertrieben schmerzverzerrten Fratze.
    Vincent war stehengeblieben. „Also ich finde ihn irgendwie schön“, sagte er eilig, denn er hatte bereits ein Auge auf andere Dinge in der Scheune gerichtet.
    An einer Wand am Boden standen unzählige Spraydosen auf einer riesigen Tülldecke. Es war wie ein Bild von einer künstlerisch geklecksten Wiese von allen Farben, die es gab.
    „Genau, Vince“, nickte Jimmy bedeutsam. „Das da hat mit dem Projekt zu tun, das ich grad mache.“
    „Alter!“ Dare stockte der Atem, als er auf das Planschbecken zuging. Er beugte sich runter und griff hinein. „Ist ja nicht wahr, oder?“, grinste er.
    Auch Vincent konnte seinen Augen nicht trauen, als er die zahlreichen, silberfarbenen Dosen unter der Wasseroberfläche treiben sah.
    Dare schaute verführt auf das Getränk in seiner Hand. „Du hast Bier? Was sagen denn deine Eltern dazu?“
    Jimmy kam näher. „Die sind gar nicht da.“
    „Sag ich doch, Vince! Das hier ist wirklich kein Kindergeburtstag.“ Dare warf Vincent eine Dose zu, der sie fing, obwohl er nicht sicher war. Es knackte und zischte auf einmal. Dare lachte. „Auf Dich, Jimmy!“ Er nahm einen herzhaften Schluck.
    „Auf das Projekt“, nickte der zufrieden. „Aber wenn ich es euch zeige, hab ich eine Bedingung.“ Mit zwei Schritten trat Jimmy an das Becken und faltete mit ausladender Geste die Hände vor sich zusammen. „Bitte, Bitte!“ Er verdrehte die Augen. „Nennt mich James!“


    3

    Was für ein verrücktes Projekt, kicherte Dare, nach dem Lichtschalter dieses dunklen Raumes suchend, der hoffentlich das Klo war.
    Die zwei Bier hatten ihre Wirkung getan und verlangten nun nach Erlösung.
    „Komm schon, komm schon!“
    Es war jetzt wirklich mehr als dringend; kein Warten mehr möglich.
    Er griff nach etwas, das wie ein Kippschalter anmutete, aber als er ihn umklappte, passierte nichts. Im selben Moment stieß er gegen etwas aus Plastik.
    Als er den schmalen Lichtstreifen der Halle hinter sich mit einem Schritt zur Seite hinein ließ, erkannte er einen von der Wand herunterhängenden Schutzhelm samt Lampe.
    Er tastete drauf herum und plötzlich blitzte ein grotesker, grellweißer Kreis vor ihm auf dem Holzboden auf. Die Helmlampe funktionierte!
    Jetzt sah er auch die Toilette. Endlich! Dare stellte sich vor das Klo und ließ der Natur ihren Lauf. Es war unglaublich, dachte er kichernd. Jimmy - nein, James – hatte nicht nur diese Scheune ganz für sich allein, er besaß auch draußen am anderen Ende davon einen weiteren genialen Spielplatz.
    Er hatte Vincent und Dare vorhin durch die Scheune hindurch bis zu einer kleinen Tür gebracht. Dann hatte er die Tür geöffnet. Sie führte offensichtlich wieder nach draußen, obwohl es eigenartig dunkel geblieben war. Als sie hinaus getreten waren, schauten sie – wie aus einem Reflex - nach oben zur Spitze dieses alten Beton-Silos, das sich vor ihnen erhob.
    Zunächst hatte Dare gedacht, es sei der Schatten der Scheune, aber das Silo war tatsächlich mit schwarzem Ruß überzogen. Ab etwa anderthalb Metern Höhe.
    Aus einigen Löchern schien der Ruß hochgestiegen zu sein und von da an das gesamte Silo bis zum Dach geschwärzt.
    „Den benutzt niemand mehr“, hatte James mit ernster Mine gesagt. „Früher war das unser Strohlager, aber da drinnen ist im Frühsommer das alte Stroh in Brand geraten. Jetzt ist das die ideale Sprayfläche.“
    Die drei waren rechts um das Silo herum gelaufen und der kahle Beton vor ihnen hatte sich mit jedem weiteren Schritt in ein Meer von roten, diagonal nach oben strebenden Flammen verwandelt, die dort aufhörten, wo der Rußmantel begann.
    Einige Flammenzungen kringelten sich dort nach innen zusammen, andere zerteilten sich in weiße und orangefarbene Verzweigungen.
    Dare war völlig begeistert. „Wow! Das hast echt du gemalt, James?“
    „Jap. Das ist mein Ding!“
    In diesen Momenten hatten Dare und Vincent erst gesehen, dass jemand – sicher ein Junge, der gern James genannt wurde - eine spiralförmige, durchgehende Linie in den Ruß geritzt hatte, die sich in etwa einem Meter Abstand
    zart aber beständig bis nach oben ans Dach des Silos zog. Irrwitzige Männchen, Kreaturen und christliche Symbole - ebenfalls in den Ruß geritzt - rangen darin miteinander.
    „Das ist mein Projekt“ James` Stimme war stolz angeschwollen. „Früher hab ich immer nur geschrieben und geschrieben, aber jetzt ist Zeichnen voll meins.“
    In Vincents Gesicht hatte die Verblüffung ihre Vollendung gefunden. „Das sieht man wohl!“
    „Es wird so ne Art Graffiti-Collage. Soll ich euch die Story erzählen? Ist von mir.“
    „Uih. Klaro.“, war es aus Dare herausgepoltert. „Aber erst mal muss ich kurz … mein Bier wegstellen. Hehe, so sagt das mein Alter auch immer, wenn er muss. Wo ist denn das Klo?"
    "Wir warten eh noch ein bisschen, vielleicht kommt ja noch jemand. Dann muss ich das nicht nochmal erzählen, nachher. In die Scheune rein und dann rechts vor der Hängematte in den Korridor. Gerade durch, da ist die Tür.“
    James war auf einmal ungeduldig geworden. "Beeil dich, ja?"


    4

    Wie eigenartig, dachte sich Dare nun. Dieser Rausch in seinem Kopf hatte die Kritzeleien vom Silo irgendwie lebendig gemacht.
    Jetzt, hier im plätschernden Halbdunkel dieser Toilette hatte er diese Figuren noch klar vor Augen (Ein Kreuz, eine Beretta, die durchgestrichen war, ein Dämon). Was sie bloß bedeuteten?
    Er schaltete eilig das Licht an der Helmlampe aus und stolperte aus der engen Klotür schnurstracks durch den Korridor.
    Ob er sich noch ein Bier nehmen sollte, fragte er sich und stieß mit dem Knie gegen eine Ecke, die aus der Dunkelheit ragte. Er humpelte zur Seite und wunderte sich nun.
    Prüfend marschierte er auf der Stelle. Nein, er hatte sich nicht verhört. Dare stand in einer Pfütze. Was war denn das bitte?! Dare hielt noch kurz am Planschbecken, stolperte eilig nach draußen und guckte nun dumpf zu Vince und James hoch, die sich auf einem Baugerüst in etwa zwei Metern Höhe hingekniet hatten und Farbdosen schüttelten.
    Vincent schaute runter. „Echt jetzt? Noch ein Bier, Dare? Hast du nicht schon genug?“
    „Willst du auch noch eins?“
    „Nein. Ich will doch nicht vom Gerüst fallen.“ Vincent schüttelte den Kopf, während er sich Einweghandschuhe anzog.
    „James, ähm, ich glaube Dein Gefrierschrank vor dem Klo ist hin“, kicherte Dare.
    „Ist nicht hin. Aber ist meiner Mum wohl voll egal, dass ihr Gulasch darin vergammelt. Kein Strom mehr auf dem ganzen Gelände. Seit zwei Tagen. Meine Eltern holen einen Aggregator aus Davenport. Von Onkel Hank.“
    „Ach so“, gluckste Dare und setzte sich ins gelbe Gras. „Deswegen sind die nicht da.“
    Vincent schüttelte konzentriert seine Spraydose. James fasste ihn am Arm und zeigte auf die Kritzelei vor sich. „Pass auf, du machst die Innenfläche, ich die Umrandung. Der Rand ist wichtig, weil das ist wie der schwarze Strich bei Zeichentrickfiguren. Ohne die kriegen sie kein Leben. Das kann nur ich.“
    „Ähm. Okay.“
    „Was ist n das jetzt für ein Mega-Limerick, James“, rief Dare von unten.
    Vincent sprayte los. „Das da ist der Grund, wieso er letztens zum Direx musste“.
    „Echt jetzt?“
    "Nicht zu dicht dran mit der Dose, Vince! Sonst laufen Rotznasen, klar?“
    „Klar.“
    Dare winkte von unten. „Nichts ist klar. Wovon redet ihr?“
    „Der Direx hat mir nicht erlaubt, den Comic zu machen, obwohl ich den Wettbewerb mit dem Titelbild davon gewonnen hab.“
    „Ja, bei diesem Zeichen-Contest in unserer Schule, der jedes Jahr stattfindet.“ Vincent sprach so konzentriert, wie er sprayte. „Mein Bruder hat davon erzählt. Er ist schon in der Achten.“
    James` Stimme wurde streng. „Dann weiß er auch, ich bin der jüngste Schüler der Middle-School Brecknall, der das Ding je gewonnen hat."
    „Weil es auch erst drei davon gab“, kicherte Dare unten im Gras weiter vor sich hin.
    James fiel Dare ins Wort. „Und alle drei durften ihren Schrott in einem Sonderteil der Schülerzeitung veröffentlichen. Aber wieso ich nicht“, rief er. "Als ich dem Tyrannosaurus Direx das Ding vorgestellt hab, ist er voll ausgerastet! Demel, der!"
    Vincent stellte die Spraydose ab. „Mann, du brauchst nicht rumschreien! Erzähl mal lieber, was ich hier gerade rosa anspraye. Sind das Brüste?“

    5

    Lässig warf James die schwarz triefende Spraydose vor sich ins Gras, die sich dort klappernd zu zwei weiteren gesellte. Er positionierte sich dort, wo sich vom Boden des Silos der Feuerwirbel erhob. „Okay, ich glaube es kommt sonst keiner mehr. Ich fange jetzt an. Also da unten, da geht’s los und es breitet sich überall aus, klar? Das Feuer steht hier für was?“
    Vincent schaute auf. „Ich schätze … für die Hölle?“
    Mit dem Finger schnipsend, zeigte James auf ihn. „Hundert Punkte! Und der Typ da, den wir von der Seite sehen. Der hat jetzt noch Ruß im Gesicht, weil ich da nur mit nem Messer seinen Kopf in den Beton geritzt hab.
    Das wird im ganzen Comic aber immer so bleiben, sein verkohltes Face. Guckt mal, was er auf dem Kopf hat.“
    „Ist das der Papst?“, kicherte Dare.
    „Na. Nicht ganz so schlimm“.
    „Also irgendein Geistiger.“
    James schüttelte den Kopf. „Geistlicher, heißt das! Das ist Padre Massimo. Der Held der Geschichte. El Santo. So heißt auch der Comic. Und auf dem Kopf hat er ein Barett. Also eine Priestermütze.“
    „Und der andere Typ da?“, sagte Dare etwas amüsiert. „Wer oder was ist das?“
    Vincent schaute ehrfürchtig. „Eindeutig kein Geistlicher.“
    „Kydriel“, James nickte. „Ein Höllenfürst. Die Story beginnt mit einem Deal zwischen Massimo und dem Höllendick da.“
    „Kydriel. Sieht echt furchtbar aus.“, sagte Vincent ohne Ton. „Ich dachte erst, das ist ein Tiger, dem man sein Fell abgefackelt hat.“
    „Weil er so grässlich guckt und faucht?“, fragte James interessiert. „Interessante Ansicht, Vince.“
    „Und womit dealt er nun?“
    „Massimo dealt um sein Leben. Er hat sich umgebracht und das ist eine Sünde. Er ist also jetzt in die Hölle gekommen und Kydriel ist schon skeptisch. Massimo hat nämlich keine Angst vor ihm.“
    „Sieht man“, meinte Vincent. „Er grinst nur und versteckt sich hinter seinem Kreuz.“
    „Massimo sagt Kydriel, dass er gar nicht hierher gehört. Als er ein junger Mann war, wusste er schon, dass er mal ein Heiliger werden kann. Aber er war im Leben schwach und hat gesündigt.
    Und er hat sich jetzt umgebracht, weil er für seine Sünden im Leben bestraft werden will, damit er doch noch ein Heiliger werden kann.“
    Dare machte einen Schritt nach vorn, um die Steinkritzeleien besser zu erkennen. „Ähm, okay. Spannend.“
    „Kydriel ahnt jetzt was, seht ihr“, sagte James ruhig. „Er checkt, dass Massimos Selbstmord nur Teil eines Plans ist, der nun hier weitergeht.“
    Vincent grübelte. „Was denn für ein Plan?“
    „Nun ja“, grinste James. „Ein verdammt cleverer. Massimo möchte auf die Erde zurückkehren. Er sagt, er kann Kydriel beweisen, dass er auf jeden Fall noch ein Heiliger werden kann.
    Er bittet Kydriel, ihn wieder hochzuschicken und, dass die ganze Welt wissen soll, auf welche Weise er gesündigt hat. Weil ihn dafür nicht hier unten, sondern da oben die wahre Hölle erwartet.“
    „Hm. Und anscheinend hat er den Dämon da überzeugt. Also weil der Padre da grinst, im nächsten Bild.“, sagte Vincent. „Sogar mit Heiligenschein.“
    „Ja. Und dahinter … das ist Massimo da auf der Treppe, die in einen Sonnenaufgang in der Toskana führt. Das sieht man aber jetzt noch nicht gut, weil die grünen Hügel fehlen.
    Das Orange der Sonne, die aufgeht, wollte ich aber schon machen, weil sieht halt geil aus."
    Vincent grübelte. „Er lässt ihn also echt gehen?“
    „Alter, ziemlich genial gezeichnet“, raunte Dare und machte noch einen Schritt zurück. „Da lodert das Höllenfeuer hoch und es geht über in die aufgehende Sonne.“
    „Aye.“ James war ganz ruhig geworden, legte die Hände hinter sich zusammen und ging zwei Schritte weiter nach rechts.
    „Und warum freut dieser Höllentyp sich darüber?“ fragte Vincent.
    „Na ja. Da sind wir bei den dunklen Taten von Massimo. Die sind so dunkel, dass es Massimo eigentlich nicht möglich ist, jemals ein Heiliger zu werden, denn seine Taten sind ja auf der Erde ab jetzt bekannt.
    Aber wenn da oben für ihn die Hölle auf Erden kommt, dann kann Kydriel endlich auf die Erde kommen. Das ist sein Plan.“
    „Alter! Sind das etwa ...“, Vincent schlug die Hand vor den Mund.
    James lachte plötzlich. „Das sind keine Brüste, die du vorhin rosa ausgemalt hast.“
    Neben den beiden Rundungen, die aussahen, wie ein umgedrehtes Herz, das man in die Länge gezogen hatte, fiel das Gewand des Geistlichen herab, der seine dürren Beine - wie eine Ballerina - stark angewinkelt hatte.
    „Der hat ja Riesenklöten“, prustete Dare los.
    „Das ist seine Strafe“, sagte James. „Die hat er von Kydriel bekommen. Der verschafft ihm damit schon mal die Hölle auf Erden. Als Sinnbild für seine Taten.“
    Vincent war weitergegangen. Er verschränkte - plötzlich sehr ernst geworden - die Arme vor sich. „Irgendwie nicht sehr respektvoll gegenüber der Kirche, finde ich.“
    James nickte. „Kann man so sehen.“
    „Geht das so weiter“, fragte Vincent und richtete wieder seinen Blick am Silo hoch.
    Dare schaute mit zusammengekniffenen Augen angestrengt nach oben. „Die Feuerlinie schlängelt und schlängelt sich ja bis zum Dach hoch.“
    „Ja, weil das Höllenfeuer auf die Erde kommt. Das ist ein Thema.“
    Vincents Blick war an der oberen Spitze des Silos verharrt. Er schüttelte den Kopf und schnaubte amüsiert. Dann setzte er sich einfach ins Gras. Dare guckte ihn an.
    „Was ist denn da oben, Vincent“, fragte er neugierig.
    „Na sieh doch selbst“, lachte Vincent kurz und kühl, dann guckte mit weitem Blick neben sich.
    Dare suchte blinzelnd das Dach ab. „Hm? Was meinst Du, Vince?“
    „Es geht um Massimos Taten, die zum Selbstmord geführt haben, oder James?“, fragte der.
    Leise antwortete James. „Genau darum gehts.“
    Dare lief ein paar Schritte weiter nach rechts und rieb sich die Augen. Er blickte in das lauthals lachende Gesicht des Padre. Oh Gott!
    „Hat der Direx Dir erklärt, wieso er den Comic nicht drucken wollte, James“, fragte Vincent ruhig.
    „Der hat doch nichts kapiert.“
    Vincent blieb im selben Tonfall. „Um welche Taten geht es hier?“
    „Na, ein Geistlicher, der gesündigt hat“, grinste James. „Du weißt schon. Kleine Messdiener und so. Das ist doch schon ein Klischee. Nicht so ernst gemeint.“
    „Hm, also dieser Padre da will wieder auf die Erde und trotz seiner Sünden ein Heiliger werden. Der … El Santo?“
    „Es geht ja um Kydriel, der nur an das Schlechte im Menschen glaubt und auf die Erde will. Und kann, weil er glaubt, dass Massimo scheitert.“
    Vincent hatte einen kalten Blick aufgesetzt. Für Dare sah es ein bisschen so aus, als müsse Vincent seinen Blick angestrengt vom Silo fern halten.
    „Glaubst du an das Schlechte im Menschen, James?“
    „Dass das Schlechte oft siegt, Mann“, zischte James auf einmal zurück.
    „Vorhin hast du gesagt, das ist der Held der Geschichte, dieser Padre. Wieso ist dieser Padre denn ein Held, wenn er so was gemacht hat?“
    James betonte jedes seiner Worte neu. „Weil im Leben die Guten böse sind und umgekehrt“.
    „Das seh ich so nicht. Ich finde das bedenklich.“, sagte Vincent.
    Dare wischte sich erneut die Augen. War es echt das, was er zu sehen glaubte? Es schien, als würden im letzten Bild die riesigen Hoden des Padres explodieren und zeigen, wieso sie so groß waren.
    Sie entfalteten sich zu Engelsflügeln mit dichter Schambehaarung. Dare wusste nicht, ob er seinen Sinnen trauen sollte; das Bier hatte ihm diese wohl ziemlich vernebelt.
    Ihm war schon wieder zum Kichern zumute, er realisierte aber nun, dass die Stimmen der beiden Jungs sich plötzlich erhoben hatten.
    „Das Problem ist, dass du das zu ernst nimmst, Mann! Genau wie der Direx. Wieso brauche ich die Meinungen von Leuten! Die können sie für sich behalten, dann ist bei mir alles gut.“
    „Was hat der Direx denn gesagt“ fragte Vincent scharf.
    James stockte. „Dass ich als Comiczeichner scheitern werde. Er hat das nur auf diese dumme Diagnose geschoben. Dieser Wichser.“
    „Was für eine Diagnose?!“
    James presste seine Lippen aufeinander, dann stammelte er: „Egal, Mann! Was kümmert mich so ein Psychotest.“
    „Er sollte Dich kümmern. Und irgend eine Lernschwäche haben, ist doch nicht schlimm."
    „Stimmt“, meinte Dare mit einer Idee. „Dann muss man weniger Hausaufgaben machen.“
    James senkte den Kopf. „Ist aber keine Lernschwäche. Meine Mum hat ne Empfehlung gekriegt. Noch im Sommer von der Elementary School in Austin, wo wir herkommen.
    Also ich musste da so einen Test machen. Und der Direx wusste das. Und er hat gesagt, mit einer Behinderung wie der kann man Leute nicht verstehen. Also die Gefühle. Nur die eigenen, die man hat.
    Aber das stimmt nicht. Ich kann das sehr wohl!“
    „Aber es gibt eine Diagnose?“
    „Ja. Ich kann auf der Schule bleiben, aber die Story von Padre Massimo darf ich nicht veröffentlichen“, sagte James mit einem Tonfall, der zeigte, dass er das nicht akzeptierte. Ohne hinzugucken, zeigte James Richtung Silo. „Und stattdessen eben das da!“
    „Ja, tut mir leid, Mann. Aber das da ist echt ein bisschen pervers.“
    „Vincent?“ Dare guckte schief. „Du hast ja pervers gesagt!“ Jetzt musste er doch kichern.
    „Ja und das ist das Problem. Ich verstehe den Direx ein bisschen“, sagte Vincent.
    „Ach ja? Der redet Schwachsinn, so wie meine Mum. Und mein Dad!“ James kletterte an der Seite auf das Gerüst hoch, nahm sich eine Spraydose und sprayte. „Ich nehme also an“, schnaubte er mit dem Rücken zu Vincent und Dare,
    „dass Du mir nicht hilfst, weiterzumachen?“
    Vincent trat dichter. „Mann. Das mit der Diagnose tut mir leid. Ich finde das nur krass, dass du so kalt darüber denkst, wie einem Jungen so was Furchtbares angetan wurde, was ihn für immer fertig machen wird.
    Und, dass ein Selbstmord das wett machen soll. Das ist mir einfach zu krass.“
    „Ist ja vielleicht nicht meine Meinung, nur die vom Padre“, zuckte James mit den Schultern; unbeirrt weiter sprühend.
    „Aber alle werden glauben, dass du so denkst wie er.“
    „Ach, Leute! Lasst es doch jetzt gut sein!“ murmelte Dare, der bereits wieder im Gras saß und gähnte. Neben ihm landete mit lautem Scheppern eine Spraydose.
    Dare sah, dass die Dose direkt neben Vincent aufgeschlagen war. Er guckte James starr an. „Mann, pass auf, ja?“
    James sprühte weiter. „Sorry. Wollte ich nicht.“
    Dare wurde etwas schwindlig. Er erhob sich eilig. „Uih Leute, ich glaub ich brauch Schlaf.“
    „Knall dich in die Hängematte in der Scheune“, sagte James cool.
    „Äh. Was?“ Daran hatte Dare gar nicht gedacht. Dann müsste er jetzt nicht den ganzen Weg zurück in die Stadt.
    Ja, so, wie er gerade taumelte, obwohl er eigentlich nur aufrecht stehen wollte, war das vollkommen undenkbar, jetzt aufs BMX zu steigen und bis ganz in die Siedlung zurückzuradeln.
    „Danke, Mann“, antwortete er zufrieden. „Ich bin dann drin“.
    "Aye!"
    Noch ein paar Momente lang, nachdem Dare etwas schwindlig die Hängematte erklommen und ihr das Taumeln überlassen hatte, hörte er die Stimmen der anderen beiden,
    welche energischer wurden und kaum abklangen, so dumpf sie auch allmählich in sich zusammen fielen.
    Das Schaukeln hatte ihm alle schlechten Gedanken genommen und er schwebte diesem Taumeln entgegen.


    6

    Irgendwie erwachte Dare in einen Traum hinein. Es war zunächst stockdunkel.
    Ganz zart rieselte lilafarbenes Licht von der Decke herab und zuckte in seinen Augen. Ein heftiger Schmerz tief im Innern seines Kopfes folgte.
    Langsam zog sich Dare an den Seiten der Hängematte hoch. „Ähm. Hallo? Vince? James?“
    Er drehte sich vorsichtig zur Seite und berührte sogleich mit den Füßen den Boden, der sich knarrend bemerkbar machte, als Dare versuchte aufrecht zu stehen. „Wie spät ist das denn“, grummelte er. „Wo seid ihr?“
    Kurz war ihm übel. Er hielt sich den Kopf mit beiden Händen, atmete einmal tief durch und machte einen Schritt nach vorn in die Dunkelheit. Okay, das gelang ihm gut.
    Anscheinend war ihm nicht mehr schwindlig, er konnte nur einfach nichts sehen.
    Oh, und jetzt, beim nächsten Schritt ins Nichts meldete sich auch ein guter alter Bekannter wieder.
    Wie es plötzlich in seiner Blase zog!
    Bier war immer so eine Sache, dachte er sich. Er beschloss, nie wieder welches zu trinken und kicherte daraufhin kurz. Noch ein Spruch seines Vaters, den Dare nun verstand.
    „Oh. Natürlich“, verblüffte er sich plötzlich selbst mit einem Gedanken.
    Die Toilette! Die Helmlampe, die dort hing!
    Mit ein paar weiteren mutigen Schritten nach vorn stieß er gegen einen der Holzbalken.
    Okay, wenn vor ihm nun gleich die Gefriertruhe stand – er patschte mit dem Fuß in Wasser – ja, dann war er genau richtig.
    Ein paar Schritte noch und da irgendwo musste der Türgriff vom Klo sein. Bingo! Lichtschalter, Plastikhelm, Lampe! Klick!
    Es wurde Licht.
    Jetzt, da Dare vorerst zufrieden mit der Lampe auf dem Kopf dastand – das bekannte Plätschern unter sich – durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Was er gerade getan hatte, war ganz schön mutig gewesen.
    Wieso hatte er sich nicht gefürchtet, wie sonst immer? Er war allein an einem fremden Ort und es war stockdunkel. Er beschloss sofort, nicht weiter drüber nachzudenken und betätigte die Spülung. Das Geräusch erschreckte ihn.
    Verdammt! Er hatte wohl schon zu weit gedacht. Wenn er sich jetzt umdrehen würde, wer würde ihm sagen, dass da kein fauliger Zombie in der Tür stehen und ihn angrinsen würde, nur um ihn anschließend genüsslich zu verspeisen?
    Oder irgendwo in eine weitere dunkle Ecke der Scheune zu zerren, wo dessen sabbernde Kumpels bereits zum Essen warteten?
    Wieder ein tiefes Durchatmen, dann drehte er sich um und schloss die Augen.
    Nein, es war nichts wirklich Grusliges zu hören.
    Eine Grille, etwas weiter entfernt. Sie hatte sicher keine Angst, dachte er sich. Weil es auch keinen Grund gab.
    Er ginge jetzt einfach durch die Scheune und würde wahrscheinlich Vincent und James am Silo im Gras schnarchend vorfinden. Na los, sagte er sich.
    Den Helm festhaltend, senkte er seinen Kopf nach unten, öffnete die Augen und betrachtete seine Füße. Den linken, der nach vorne ging, den rechten, der ihm folgte. Es war wie in einem Theaterstück.
    Mysteriöse Schritte im Spotlight. Wem sie wohl gehörten? Wo sie wohl hingingen?
    Natürlich direkt ins Fettnäpfchen. Dare schüttelte den Kopf. Die Gefriertruhe und das Wasser davor. Er machte einen Schritt zur Seite. Das Wasser war irgendwie schmutzig und trüb.
    Vielleicht war es ja kein Wasser, dachte sich Dare eilig. Sondern das Gulasch von James` Mutter, das da vor sich hinsiffte und das schon das Interesse einiger Fliegen erregt hatte, die wild im Spot der Lampe flirrten.
    James ging einfach schnell weiter.
    „Ähm, Vincent? Wo bist du denn? James?“, stammelte er eigentlich viel zu leise, als dass man ihn am anderen Ende der Scheune hätte hören können.
    Er versuchte, den Türrahmen auszumachen, der nach draußen zur Scheune führte, aber der Basketballkorb, über den er nun fast stolperte, belehrte ihn, lieber den Spot der Lampe etwas tiefer in den Raum vor sich zu richten,
    Zombies hin oder her. Dare wendete sich ab, denn ihm wurde wieder kurz schlecht. Da trieb sein ehemals bester Nachmittagskumpel mit seinen Leuten cool im Pool.
    Bier.
    Den Blick zur Seite gerichtet, war es Dare nun, als würde ihn aus dem Augenwinkel Licht anschimmern. Direkt vor ihm, aber sehr matt.
    Es schien in eines der Fenster zu fallen, die am Nachmittag noch den mächtigen Schatten des Silos in die Scheune geworfen hatten.
    Als er seine Lampe hin ausrichtete, war das Licht weg. Er schaltete die Lampe kurz aus und sah es nun deutlich vor sich. Am Silo brannte ein Licht. Zu hören war aber nur die Grille. Und das metallene Schwingen einer Tür.
    Im Türrahmen stehend, wusste Dare nun genau: die Tür, die da schwang, war nicht die der Scheune, welche nach draußen führte, denn die war geschlossen.
    Es musste noch eine andere geben. Er griff nach dem Türknopf und öffnete die Scheunentür ohne jedes Geräusch.
    Ein entferntes Grillenkonzert kam ihm nun entgegen. Jetzt, als er um das Silo lief, hatte ihn die Dunkelheit der Scheune wieder gefunden. Sollte er die Lampe lieber anschalten? Aber dann könne er vielleicht dieses seltsame, matte Licht nicht mehr-
    Dare stockte der Atem. Er blieb stehen, ohne einen Gedanken. Das Geräusch, was sich eben unter das Gezirpe der Grillen gemischt hatte, kannte er gut. Sportunterricht, Hallenflur. Vor den Umkleidekabinen.
    Er ging niemals duschen, der blöde Spasten-Jimmy. Er saß auf einer der Bänke und murmelte mit sich selbst, wenn die anderen Jungs sich drinnen mit nassen Handtüchern auspeitschten.
    Radio Jimmy, hatten Dare und seine Kumpels das immer genannt.
    Er wusste nicht, ob er Jimmy – nein James – jetzt rufen sollte. Er konnte nicht sagen, ob es daran lag, dass über Radio Jimmy in der Klasse nie gesprochen wurde, wenn James mit im Raum war.
    Es herrschte immer eisiges Schweigen – so wie jetzt, weil es einfach unheimlich war.
    Mit zwei weiteren Schritten ging Dare nach rechts und Radio Jimmy wurde lauter.
    Nun sah er auch das Licht wieder. Es schien aus dem Silo zu kommen. Ein gelber Streifen, der sich vom Boden hochzog und Dare nun blendete. Es war eine Tür, die in das Innere des Silos führte.
    Kurz konnte er im Spalt etwas zappeln sehen. Die Tür war angelehnt, unmöglich etwas darin zu erkennen. Und hören konnte er nur das unheimliche Radio, keinen Vince und auch kein Klackern von Spraydosen.
    Und wenn Dare einfach ginge? Es sei doch nicht schlimm. Er würde sich eben morgen in der Schule bei James entschuldigen wegen seines unpässlichen Zustandes. „Verdammt!“
    Und da kam das laute, unüberhörbare Scheppern der Spraydosen, die vor Dare im Gras lagen und gegen die er eben getreten war.
    „Ähm, James“, stammelte er schnell ins Dunkel hinein.
    „Bist du da?“
    Radio Jimmy stoppte. „Ich bin hier drin im Silo. Bitte komm noch nicht rein, ja?“
    „Wo ist Vincent?“
    Ein langer Moment Grillenzirpen folgte.
    „Hast du ihn nicht mehr gesehen? Er ist wohl nach Hause gegangen.“
    Dare überraschte sich selbst nun und sagte eilig: „Das werde ich dann auch tun. Machs gut, ja?“
    „Warte!“ James` Stimme hatte sich scharf erhoben. Sanfter, fast entschuldigend, fuhr James fort. „Meine Eltern sind immer noch nicht zurück. Es gib keinen Strom und kein Licht und ich hab nur meine Taschenlampe. Ich weiss nicht.“
    Aber Dare wusste. James hatte sicher vor denselben Zombies in der Scheune Angst wie er gerade eben.
    „Weisst du denn, wie spät es ist?“
    „Kurz vor zehn“, sagte James freundlich. „Ich denke, meine Eltern sind gleich da. Sie müssen ja auch morgen arbeiten.“
    „Kann man sie anrufen?“
    „Also wir haben ein Telefon, aber das läuft nur mit Strom. Also geht es nicht.“
    „Kann ich zu dir reinkommen, James?“
    Aus dem Innern des Silos kam ein leises, kindliches Kichern. „Warte“, rief James amüsiert. „Du sollst es erst sehn, wenns fertig ist.“
    Dare schnaufte durch. Es ging ihm nicht gut. Die Grillen um ihn zirpten um die Wette und Dare widerfuhr es jetzt, dass die einzelne Grille, die er vorab gehört hatte,
    wohl auch deswegen keine Angst haben musste, weil sie eben nicht allein war. Ganz im Gegensatz zu ihm jetzt. Ja, die Angst hatte ihn ganz bei sich und er sehnte sich nach Licht und Gesellschaft.
    Auch, wenn es nur James war, Hauptsache irgendjemand.
    „Beeil dich mal, James. Was immer du da treibst, ja?“ Dare fuhr herum. Das konnte doch nicht sein!
    Aus dem Innern der Scheune kam leise das Klingeln eines Telefons.
    „Ähm, James? Ich dachte euer Telefon geht nicht. Soll ich rangehen?“
    „Brauchst du nicht.“
    „Wieso?“ Dare verstand nichts mehr. „Und wenn das deine Eltern sind?“
    „Die telefonieren nie. Die haben Schiss davor und halten davon nichts.“
    James` unbeteiligte Stimme irritierte Dare plötzlich enorm. „Was bitte? So was hab ich ja noch nie gehört!“
    Kurz erwischte sich Dare bei dem Gedanken, wenn es nicht James` Eltern wären, die da anriefen, sondern seine eigenen. Oder die von Vince!“
    „Ich will dir jetzt was zeigen. Komm rein“, rief James so freundlich, dass Dare fast nicht aufgefallen wäre, wie dringlich James auf einmal klang.
    Mit einem Ruck griff Dare nach der Tür und zog sie auf. In diesem Moment erlosch das Licht im Silo. James kicherte leise und rief dann theatralisch.
    „Trommelwirbel.“
    „Mann, mach das Licht an“, rief Dare ungeduldig.
    Wie auf Kommando stoppte drinnen in der Scheune das Telefonklingeln.
    „Komm erst rein, ja?“
    „Ich bin schon drin“, zischte Dare, dessen Stimme plötzlich einen Hall bekommen hatte.
    „Also ich zeig dir jetzt was, aber es ist noch nicht fertig, klar?“
    „Klar, jetzt mach!“
    Mit einem Klicken nah vor ihm leuchtete James` gerötetes Gesicht im grellen Schein einer Taschenlampe, die ihn – wie bei einem Gruselgeschichtenerzähler am Lagerfeuer – von unten anstrahlte.
    „Sieh und staune“, raunte James und wendete die Taschenlampe nach oben zum kaputten Dachfenster.
    „So, wie jetzt das Licht der Lampe nach oben steigt, so wird morgen früh das Sonnenlicht in meine Kathedrale herabfallen."
    Langsam ließ er die Lampe an der Silowand hinunter sinken und plötzlich - etwas über ihnen - wurden unzählige rote Handabdrücke sichtbar.
    Sie schienen sich ineinander zu drehen, verschlierten, bildeten ein einziges Netz, das sich – im Lauf von James` Taschenlampe - komplett als breiter Streifen an der Wand des Silos entlangzog.
    „Oh Mann“, seufzte Dare gleichzeitig fasziniert und etwas überfordert.
    James hatte wieder sein Gesicht angestrahlt und nickte. "Die Kathedrale des Lebens. Gemalt mit dem Lebenssaft der Menschen." Seicht lächelte er.
    In Dare begann etwas heftig zu pochen. „Lebenssaft?" Ganz dünn kroch ein Gedanke in Dare hoch. „Ist das … Blut?“
    Wieder klingelte in der Scheune das Telefon. Dare wandte sich um und suchte nach dem Ausgang.
    Das Licht erlosch.
    „Mach die Lampe wieder an, Mann“, schrie Dare. „Das ist nicht mehr witzig!“
    Schritte stapften um ihn herum, dann schlug die Eisentür zu. Ein Schlüssel rotierte laut klackend im Schloss.
    „Nein!“ Wie verrückt rannte Dare in die Richtung, aus der das Geräusch kam und stieß mit dem Kopf an James` unnachgiebige Schulter. Die Helmlampe fiel herunter. Er selbst stürzte nun auch.
    Vor sich konnte er James schwer atmen hören. Das Licht der Taschenlampe fiel auf ihn, ehe es wieder James` Gesicht erleuchtete.
    „Geht es dir gut“, flüsterte der und fuhr mit freundlicher Stimme fort: „Vielleicht kann ich die Frage selbst beantworten, obwohl ich ja anscheinend keine Ahnung von dem habe, was in anderen vorgeht“, sprach er leise und etwas traurig.
    „Aber lass mich raten. Du hast … Angst, stimmts?!“
    „Natürlich, Mann! Was soll das hier? Lass mich raus!“
    „Siehst du? Ich erkenne doch die Gefühle von anderen. Und das da an der Wand, Mann. Das ist natürlich kein Blut. Es ist Farbe. Fingerfarbe, die du in der Mall für keine zwei Dollar kriegst. Und doch hast du Angst, weil ich das Gefühl in dir geweckt habe. Entschuldigung, aber es war wirklich nur ein Test, weißt du? Und dann gibt es noch Erleichterung und Wut, so wie bei Vince vorhin und Traurigkeit.“
    Dare konnte es nicht fassen. „Du lässt mich jetzt sofort raus, ja?“
    „Und wenn ich dich rauslasse, dann bist du erleichtert, stimmts?“
    „Ja“, schrie Dare und rappelte sich auf.
    „Alter, du kannst dich beruhigen. Hier“, sagte James cool. „Der Schlüssel für die Tür.“
    Gerade streckte er seine Hand Richtung Dare aus und hielt ihm einen alten Schlüssel mit langem Hals entgegen.
    Dare beugte sich vor. Als er nach dem Schlüssel greifen wollte, schnappte James` Hand zu. Die Taschenlampe fiel zu Boden.
    „Mann! Was soll der Scheiß?! Lass los!“
    „Nur eine Sache noch“, sagte James hastig, während er Dares Hand fest hielt.
    „Mann! Lass es doch jetzt, du Idiot!“
    „Warte mal“, stammelte James auf einmal etwas unsicher. Dare schrie erneut. Ganz langsam schien im Dunkel eine Feuerschlange in seiner Hand hoch und pulsierte mit aller Beharrlichkeit in seinem Unterarm hinein.
    Dare stöhnte vor Schmerz, doch James hielt dessen Handknöchel mit festem Griff.
    „Was machst Du, Mann?“ Dare hatte ein Metallstück auf den Boden fallen gehört, aber es konnte nicht der Schlüssel sein. Es war viel schwerer und größer gewesen. Neben der Taschenlampe am Boden sah er im Spot den Gegenstand vor sich.
    Blut lief warm über seinen Handrücken und klatschte auf das ausgeklappte Taschenmesser.
    Sein Blut.
    James ließ ihn los, Dare fiel sofort nach hinten. Er wollte die Taschenlampe greifen, aber James hatte sie sich schon genommen, beugte sich hoch und zerschmetterte sie mit lautem Krach am Silo.
    „Danke, Mann“, sagte er zufrieden. „Jetzt habe ich neue Farbe für die Wand."
    Dare hatte die Helmlampe neben sich gegriffen und klickte wie wild am Schalter. Im aufflackernden Spot sah er James plötzlich vielfach vor sich, wie er mit dem Rücken zu ihm an der Wand stand und seine blutbefleckte Hand neben sich hielt.
    „Vorerst brauche ich dich nicht mehr, Dare“, kicherte er sanft und fuhr sich mit der Hand ins Gesicht.
    Dare erschrak erneut. Denn obwohl James ihn gar nicht ansah, konnte er doch dessen Gesicht sehen.
    Im Flackern der Lampe hatte sich in James` Kopfhöhe das blutige Gesicht von ihm in einer Reihe unzähliger Fratzen verewigt und schaute Dare zigfach von der Wand des Silos an.
    Wo hatte James nur all das Blut her, fragte er sich. Er schreckte zurück und trat mit seinem rechten Fuß auf etwas Flaches aus Metall. Er griff danach. Tatsächlich, der Schlüssel!
    James lachte. „Du hast ihn also gefunden, ja? Wie ich deine Erleichterung spüre. Genau so, weißt du, wird es mir morgen früh gehen, wenn das Himmelslicht da oben hereinfällt und das Bild hier vollendet ist.
    Dann habe ich alle Emotionen von euch gespürt. Dann bin ich so wie ihr."
    Dare hatte sich erhoben und steckte den Schlüssel ins Schloss. Seine Hände zitterten.
    Verdammt! Er musste sich beruhigen, sonst würde es ihm niemals gelingen, das Schloss aufzukriegen.
    „Ob ich wohl nun genug Lebenssaft hab für mein Kathedralenbild“, sprach James tatsächlich wie ein Priester bei der Predigt. „Ob ich dich entbehren kann und den wertvollen Lebenssaft in dir, wenn du jetzt gehst?“
    Dare zitterte jetzt am ganzen Körper. Der Schlüssel steckte doch im Schloss, aber er ließ sich nicht bewegen. Er war irgendwie verkantet.
    „Mal ganz ehrlich. Du musst dich einfach beruhigen“, sagte James. „Einfach den Schlüssel herausnehmen und tief durchatmen. Dann wieder gerade reinstecken und rumdrehen.“
    „Okay, okay“, schnaufte Dare und konnte nicht fassen, dass er noch auf James hörte. Aber es klang logisch.
    „Du empfindest jetzt Zuversicht, Mann“, kicherte James. „Richtig? Und ich hoffe, es ist auch der richtige Schlüssel“.
    Dare stockte. Als er zu ihm rüber schaute, sah er, wie James mit seiner blutverschmierten Stirn die Silowand entlangzog, mit halb geschlossenen Augen.
    „Langsam den Schlüssel gerade einführen“, murmelte James dabei monoton vor sich hin. „Ich möchte dich sehen, wie du beruhigt bist.“
    Dare schaute zum Türschloss; seine Schuhe und Hose waren – ebenso wie die halbe Tür – mit seinem herablaufenden Blut besudelt. Dare sank auf die Knie und beobachtete - als sei es von Belang - im Schweif der Lampe ein paar Fliegen, die darin surrten. Wieso konnte er nicht aufstehen?!
    „Oh nein“, stöhnte James. „Nicht so schnell. Ich brauche doch den Lebenssaft. Und dafür musst du leben.“
    Dare schüttelte langsam den Kopf. Die Fliegen; er kannte diesen Tanz im Spotlight doch schon. Er schüttelte sich, blickte aufs Schloss, zog den Schlüssel heraus und steckte ihn erneut hinein.
    Ganz langsam und gerade. Jetzt saß der Schlüssel perfekt darin. Würde er sich drehen lassen? Er musste es nur versuchen.

    7

    "Längst nach Mitternacht war es geworden. Die Fernstraße war schon von Weitem zu hören, selbst um diese Uhrzeit.
    Dare war einfach gerannt und dabei auch nur selten gefallen. Er würde nun nach Hause gehen und den armen James vergessen, dachte er sich.
    Oder sollte er ihn besser nicht vergessen?
    Nun hatte er ihn ja kennengelernt, so wie er war. Zwar einsam und ein bisschen verrückt, aber Dare wusste nun, dass James nichts ohne Grund tat und, dass er oftmals so tun musste, als wäre er ein ganz normaler Junge.
    Eigentlich tat James ihm ein bisschen leid, denn in ihm steckte ein freier und kreativer Geist, der seinen Platz hoffentlich finden würde.
    Und El Santo würde ihm als Beispiel dafür dienen, aufzustehen und seinen Weg in die Herzen der Menschen zu gehen. Und Emotionen zu erkennen konnte man lernen, dachte sich Dare nun, als er die Siedlung erreichte, in der er wohnte. Er schritt die Stufen zur Veranda hoch und öffnete leise die Tür. Seine Eltern schliefen schon.
    Er würde ihnen morgen alles berichten. Und später am Tag würde er James auf die Schulter klopfen und ihm dafür danken, dass er so cool und ihm ein guter Freund geworden war.
    Dare hatte sich ausgezogen und ins Bett gelegt. Er hielt die Augen weit offen; er wusste nicht warum."
    Ein kurzes Lachen erfüllte den Raum und stieg nach oben an die Decke, wo sich korallenfarbenes Licht herabsenkte. Schon einige Minuten lang.
    "Was für ein toller Kerl, dieser James. Klingt doch fabelhaft. Wie in einem Roman. Als wenn es wirklich passiert, oder?“
    Dare starrte hypnotisiert. Er atmete unendlich langsam.
    Einfach alles hatte er gerade vor sich gesehen. Seinen Weg nach Hause, die Siedlung, seine Eltern.
    Wie in einem wunderschönen, korallenfarbenen Zauberbild an der kaputten Decke des Silos dort oben.
    Er rang wieder nach Luft und verkniff voller Schmerz sein Gesicht.
    "Oh. Dares Schluchzen gesellte sich zur Stille und gab dem zarten Morgenlicht, das ins Silodach fiel, etwas von Ewigkeit."
    James flüsterte. „So. Und jetzt bist Du traurig, oder?“

    ENDE
     
    Ani und Telliminator gefällt das.
  2. Ani

    Ani Die Frau im Schrank :D

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    Was für ne geile Story, Marek! Hab am Ende richtig Gänsehaut bekommen. Bin geflashed *thumbs up*
     
    schaldek gefällt das.