Sonstiges Die Herren der Fliegen! (1)

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und mehr" wurde erstellt von schaldek, 23. Juli 2018.

  1. schaldek

    schaldek Super-Hoertalker Mitarbeiter

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    Die Herren der Fliegen!

    "Leon! Jetzt setz Dich hin! Wir müssen uns eben noch ein bißchen gedulden."
    Papa hatte das Buch zur Seite gelegt - zahlreiche Zitatezettelchen ragten aus dem Wälzer heraus - und hob den kleinen Jungen, der mit großen Augen auf die Anzeigetafel schielte, hoch, um ihn wieder hinzusetzen.
    "Na wegen Leon könnten wir schon gleich losstarten", grinste Sebastian und daddelte weiter auf seinem DS.
    "Dann hört hier mal diese Pyjama Party auf.", fügte er neben sich zeigend an.
    Yayo, Maurice, Dun Zi und Wilhelm dösten bis schliefen wie umgefallene Dominosteine neben ihm aneinander. Mama beobachtete den Lufthansa Schalter und stellte nur unverbindliches Lächeln und Zeigen der Mitarbeiterinnen
    fest.
    "Hoffentlich wird da was frei", seufzte sie. "Die haben so oft Cote d`Azur im Last Minute Angebot."
    "Hypermegalastminute", verbesserte Sebastian seine Mutter. "Und da ist das eh viel zu heiß, also Daumen runter."
    Papa grinste.
    "Letzter Aufruf für Mister Wellington! Mister Wellington und Familie, Flug 4465 nach Sydney."
    "Boah, Sydney!" rief Sebastian erstaunt. "Da, wo Findet Nemo wohnt!"
    "Na, mal sehen", meinte Papa ungeduldig.
    Seit fünf Stunden bereits wartete die Patchwork-Adoptiv-Family auf Plätze in irgendeinem Flugzeug, die überraschend leer bleiben würden und, die von den acht krügerischen Abenteurern Papa, Mama, Sebastian und Leon Krüger und den vier in Chill-Stase gefallenen Adoptivkindern im letzten Moment besetzt werden würden.
    Dieser vermaledeite William Golding, dachte sich Papa. Er würde diesen Heiden widerlegen! Er würde heute mal seine Söhne - vier bis zwölf Jahre alt - bestimmen lassen, wohin der diesjährige Urlaub ginge! Und er würde sie das Hotel aussuchen lassen, in welcher Stadt sie
    auch immer landen würden. Die Jungs würden die Zimmer aussuchen, das Programm bestimmen, und die Speisekarte welchen Restos auch immer wäre ihre Lektüre. Und er, der einst angesehene Literaturprofessor und freie Autor Papa Krüger würde in diesem krassen Selbstversuch beweisen, dass ein gewisser englischer Autor, der seinen
    einzigen erfolgreichen Roman Ende der 50er Jahre eines peinlichen Jahrhunderts ohne Gewinner geschrieben hatte, einfach nur falsch mit seinem Werk "Herr der Fliegen" lag.
    Endlich würde er diesen Schundroman widerlegen! Und seine Jungs würden die Geschichte wirklich schreiben!
    Denn Mama und Papa würden nach zwei Tagen von dort, wo immer sie auch in ein paar Stunden oder Tagen sein würden, abhauen und ihre Söhne überraschend zurücklassen.
    Das musste Papa lange mit Mama diskutieren, aber er hatte sie - im Sinne seiner mittlerweile zur Lebensabend ausfüllenden Aufgabe angewachsen - letztlich überzeugt. Schließlich bezahlte er ja auch ihre Rechnungen.
    Die Kinder würden keineswegs verwildern und gegeneinander aufbegehren. Sie würden mit einem Anruf an ihre Eltern diese dazu bringen, aus einem nahe gelegenen Hotel wieder bei ihren Söhnen aufzukreuzen und ihnen weinend in den Armen liegen.
    Mama müsste es nur übers Herz bringen 24 Stunden nicht ihre Whattsaps zu checken, das war seine einzige Bedingung an sie.
    Mama hatte sich wieder lang hingelegt. Ihre Leggings, die sie eigentlich hier auf dem Flughafengelände tragen wollte, hatte sie zu einem Kopfkissen verknotet
    und sich darauf gelegt und ihre Schlafmaske über gezogen.
    "Letzter Aufruf für Familie Manchega, Flug 1220 nach Barbeidos. Letzter Aufruf!", erschallte es.
    "Das ist in der Karibik, oder?", murmelte Mama, die keineswegs schlief.
    Yayo zuckte.
    "Da gibts Palmen, Wilhelm! Los! da fahren wir hin!"
    Maurice wachte auf und hob halb den Daumen hoch. Er wollte scheinbar irgendwo hin, aber nicht mehr hier sein.
    Sebastian verdrehte angestrengt die Augen.
    "Ist das da eher kalt oder warm?"
    "Kalt", meinte Yayo so kalt, wie es klingen konnte. "Und die Anreise ist eher ... kurz."
    Mama prustete kurz, blieb aber regungslos in ihrer Position.
    "Yayo! Spiel nicht mit Maurices IQ, klar?"
    "Ähm, wo ist Papa?", knirschte Wilhelm verschlafen.
    Ein erfrischendes Barbielächeln hallte den Krügers von etwas abseits entgegen, denn
    Papa flirtete bereits mit der unverbindlich freundlichen Dame hinter dem
    Terminal der Fluglinie, die alle Krügers und Mitkrügers Last Minute nach Barbeidos
    bringen konnte.
    "Sehen Sie, ich bin ein sehr spontaner Mensch", raunte er der Mitarbeiterin zu,
    sich auch ohne seine Pfeife seitlich im Mund haltend, sicher wie eh und je fühlend.
    "Da in Barbeidos gibts doch auch karibische Kleinstinseln, oder? So für Tagesausflüge?"
    "Die regelmäßig wechselnden Angebote entnehmen sie bitte dem Touristenguide vor Ort",
    nickte die freundliche Dame im Barbieton und dauerkicherte.
    (Sie fühlte sich heute auch ohne Tafel mit Nummer darauf und ohne in einem Boxring umherlaufend sicher wie eh und je).
    "Aber ich glaube, da könnten Sie Glück haben, Herr, ähm Krüger."
    "Noch mehr als schon jetzt in diesem Moment?" barrywhitete er über den Tresen
    und schnippste die Kinder heran.
    "Was ist es, Papa? Dürfen wir in die Karibik?", hüpfte Yayo vor ihm auf und ab.
    "Wenn ihr wollt?!", grinste er eher der kichernden Dame als seinen Kindern zu und klopfte dreimal auf seinen Wälzer unter dem Arm.
    "Ja!"
    "Ja"
    "Ja!!
    "Wo hin fliegen wir?"
    "Ja."
    "Hm, ja. Ach so."
    Ja. Papa Krüger war ein guter Mensch, das würde die Dame auf der anderen Seite des Schalters über diesen Fremden sagen.
    Mama hatte sich abseits aufgesetzt und die Schlafmaske abgenommen.
    Sie regte sich nicht und schien nur passiv das Geschehen am AirBerlin-Schalter zu beobachten.
    Die Dame zeigte eleganter als zuvor nach links.
    "Sie können sich jetzt alle zum Gate begeben."
    Das würde ja ein Abenteuer werden, schmunzelte Papa. Ein echtes Abenteuer.

    Fortsetzung folgt vllt ;)